Irgendwann ist es so weit. Das Studium ruft in einer anderen Stadt, der Job lässt keine freien Abende mehr, die eigene Familie braucht mehr Zeit – oder es fühlt sich einfach richtig an, den Platz für jemand Neues frei zu machen. Das Ende der eigenen Zeit als Jugendleiter*in gehört zur Jugendarbeit dazu wie der erste Gruppenabend. Trotzdem kann es sich erstaunlich schwer anfühlen. Und genau darüber wird selten gesprochen.
In den meisten Ratgebern geht es darum, wie ihr einen guten Abschied für die Kinder und Jugendlichen gestaltet. Das ist wichtig – und dazu findet ihr hier ein paar Gedanken, wie der Abschied für die Gruppe gelingt. Heute soll es aber um euch gehen. Um den Schmerz, den ein Abschied bei euch selbst auslösen kann. Denn der ist real, er ist legitim, und ihr seid damit nicht allein.
Warum ein Ehrenamt so weh tun kann, wenn es endet
Wer über Monate oder Jahre mit einer Gruppe arbeitet, baut Beziehung auf. Ihr seid für die Kinder und Jugendlichen eine verlässliche Bezugsperson geworden, manchmal sogar ein kleines Stück Heimat. Umgekehrt ist die Gruppe auch für euch zu einem festen Teil des Lebens geworden – ein Ort, an dem ihr wirksam wart, an dem ihr lachen, gestalten und etwas bewegen konntet.
Wenn dieser Ort wegfällt, fällt mehr weg als ein Termin im Kalender. Oft geht es um ein Stück Identität: „Ich bin die, zu der die Kids kommen.“ Diese Rolle einfach abzulegen, fühlt sich für viele an wie ein kleiner Verlust. Dazu kommt das Gefühl, etwas zurückzulassen, in das ihr Herzblut gesteckt habt.
„Als ich nach über zehn Jahren das letzte Mal die Tür unseres Gruppenraums hinter mir zugezogen habe, stand ich noch minutenlang auf dem Parkplatz und wusste nicht recht, was ich mit mir anfangen sollte. Niemand hatte mir vorher gesagt, dass ein Ehrenamt so weh tun kann, wenn es zu Ende geht.“
Den eigenen Schmerz ernst nehmen
Der erste und wichtigste Schritt ist unspektakulär: Erlaubt euch, traurig zu sein. In der Jugendarbeit seid ihr es gewohnt, für andere stark zu sein, Stimmungen aufzufangen und gute Laune zu verbreiten. Beim eigenen Abschied dürft ihr genau das einmal sein lassen. Wehmut ist kein Zeichen von Schwäche und schon gar kein Zeichen, dass ihr etwas falsch gemacht hättet.
„Ich habe lange gebraucht, um zu verstehen: Der Schmerz ist kein Beweis für einen Fehler. Er ist der Preis dafür, dass mir die Kinder und Jugendlichen wirklich wichtig waren.“
Es hilft, das Gefühl nicht wegzudrücken, sondern ihm einen Rahmen zu geben. Sprecht mit Menschen, die das nachvollziehen können – mit anderen aus dem Leitungsteam, mit ehemaligen Jugendleiterinnen, mit Freundinnen. Wer mag, schreibt für sich auf, was die Zeit bedeutet hat. Erinnerungen festzuhalten verwandelt diffuse Schwere oft in etwas Greifbares und Dankbares.
Tipp: Legt euch eine kleine „Erinnerungskiste“ an – Fotos, Programmzettel, eine selbstgebastelte Karte aus dem letzten Lager. An schwierigen Tagen nach dem Abschied tut der Blick hinein oft erstaunlich gut.
Den Abschied bewusst gestalten – gemeinsam mit der Gruppe
Ein Abschied, der einfach „passiert“, hinterlässt bei allen Beteiligten Ratlosigkeit. Ein Abschied, den ihr bewusst gestaltet, gibt euch und der Gruppe die Chance, in Ruhe loszulassen. Und das Beste daran: Ihr müsst das nicht allein stemmen.
Bezieht die Kinder und Jugendlichen mit ein und fragt sie, wie sie sich verabschieden möchten. Manche wollen ein großes Fest, andere lieber eine ruhige Runde mit Lagerfeuer, wieder andere möchten gemeinsam zurückblicken auf das, was die Gruppe erlebt hat. Wenn ihr die Gestaltung gemeinsam entscheidet, wird der Abschied für alle stimmiger – und ihr erlebt zum Schluss noch einmal genau das, was eure Arbeit ausgemacht hat: echte Beteiligung.
Tipp: Lasst die Gruppe ein eigenes „Abschiedsritual“ entwickeln. Achtet dabei darauf, dass wirklich alle mitmachen können – auch die, die nicht gern im Mittelpunkt stehen, und die, die vielleicht eine Beeinträchtigung haben. Ein gemeinsames Bild, eine Kerze pro Person oder eine Wunschrunde funktioniert für unterschiedlichste Kinder und Jugendliche.
Für den Rückblick und die Reflexion findet ihr im Blog passende Methoden, etwa unter den Abschiedsspielen und den Spiel-Ideen zum Abschied. Wer das Thema mit der Gruppe vertiefen möchte, kann auch einen Impuls zum Thema Abschied einbauen.
Loslassen heißt auch: Platz machen
So schwer es fällt – ein guter Abschied bedeutet auch, der Gruppe und euren Nachfolger*innen Raum zu lassen. Wenn ihr nach dem Ende ständig präsent bleibt, fällt es den Kindern und Jugendlichen schwer, eine neue Bezugsperson anzunehmen, und eure Nachfolge hat es unnötig schwer, anzukommen. Ein klarer Schnitt ist am Anfang ungewohnt, aber meist für alle Seiten gesünder.
Das heißt nicht, dass ihr von heute auf morgen verschwinden müsst. Eine gute Übergabe – ein paar gemeinsame Stunden, in denen ihr eure Nachfolge in die Gruppe einführt, Wissen weitergebt und Vertrauen aufbaut – ist Wertschätzung gegenüber allen Beteiligten. Wo ihr die eigenen Grenzen klar zieht und sie auch haltet, hilft euch übrigens das, was ihr in der Jugendarbeit ohnehin gelernt habt; ein paar Gedanken dazu findet ihr im Beitrag zum Grenzen setzen.
Was bleibt
Es lohnt sich, den Blick am Ende nach vorne zu richten. Die Beziehungen, die ihr aufgebaut habt, hören mit dem letzten Gruppenabend nicht einfach auf zu existieren – sie verändern nur ihre Form. Und das, was ihr in der Jugendarbeit gelernt habt, nehmt ihr mit: Geduld, Organisationstalent, die Fähigkeit, eine Gruppe zu führen und auf einzelne Menschen einzugehen. Nichts davon geht verloren.
„Heute weiß ich: Ich habe die Gruppe nicht verloren, ich habe sie weitergegeben. Und ein Teil von dem, was ich dort gelernt habe, trage ich in allem weiter, was ich seitdem tue.“
Vielleicht kehrt ihr irgendwann in anderer Funktion zurück, vielleicht engagiert ihr euch an einer ganz neuen Stelle, vielleicht braucht ihr erst einmal eine Pause. Alles davon ist in Ordnung. Ein Abschied aus der aktiven Jugendarbeit ist selten ein endgültiges Ende – eher ein Übergang.
Wenn die Schwere bleibt
Ein bisschen Wehmut gehört dazu und legt sich meist nach einigen Wochen von selbst. Wenn die Schwere aber bleibt – wenn ihr über längere Zeit niedergeschlagen seid, schlecht schlaft oder die Freude an Dingen verliert, die euch sonst gutgetan haben – dann nehmt das ernst. Sich in so einer Phase Unterstützung zu holen, ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Klugheit. Das kann ein offenes Gespräch mit Menschen sein, denen ihr vertraut, ebenso wie eine Beratungsstelle oder eine seelsorgliche Anlaufstelle. Niemand muss schwere Gefühle allein durchstehen.
10 Schritte für einen gelungenen Abschied aus dem Ehrenamt
Damit aus dem Abschied kein hektisches Ende wird, hilft ein grober Fahrplan. Die folgende Checkliste orientiert sich am letzten gemeinsamen Termin und lässt euch genug Luft, alles in Ruhe zu regeln. Die Zeitangaben sind Richtwerte – passt sie an euren Rhythmus an.
- Rund 3 Monate vorher: Für euch selbst klären, dass und warum ihr aufhört. Erst wenn die Entscheidung wirklich steht, lässt sich der Rest sinnvoll planen.
- Ca. 10–12 Wochen vorher: Das Leitungsteam bzw. die Verantwortlichen informieren – persönlich und bevor es über Umwege die Runde macht.
- Ca. 8–12 Wochen vorher: Die Nachfolge klären oder gemeinsam mit dem Team eine*n Nachfolger*in suchen.
- Ca. 6–8 Wochen vorher: Den Kindern und Jugendlichen frühzeitig Bescheid geben, damit sie sich darauf einstellen können – kein überraschtes „das war’s jetzt“ nach der letzten Stunde.
- Ca. 5–6 Wochen vorher: Gemeinsam mit der Gruppe entscheiden, wie der Abschied aussehen soll, und darauf achten, dass alle mitwirken können.
- Ca. 4–6 Wochen vorher: Wissen weitergeben und die Übergabe vorbereiten – Kontakte, Materialien und wiederkehrende Abläufe für die Nachfolge festhalten.
- Ca. 4–6 Wochen vorher: Die Nachfolge in die Gruppe einführen und ein paar Stunden gemeinsam gestalten, damit Vertrauen wachsen kann.
- Ca. 3–4 Wochen vorher: Die Abschiedsaktion konkret organisieren – Termin, Ort und Programm, möglichst nachhaltig und ohne Wegwerf-Deko.
- Am letzten Tag: Den Abschied bewusst gestalten und euch Zeit für persönliche Worte mit jedem Gruppenmitglied nehmen. Danach ein klarer Schnitt.
- In den Wochen danach: Für euch selbst sorgen – zurückblicken, Erinnerungen festhalten und euch erlauben, dass der Abschied ein Weilchen nachklingt.
Macht’s gut bei eurem Abschied – und denkt daran, dass das, was ihr in dieser Zeit gegeben habt, bleibt. Bei euch und bei den jungen Menschen, die ihr begleitet habt.






