In meinem Artikel über Exnovation habe ich euch davon erzählt, warum es sich lohnt, alte und nicht mehr wirksame Angebote bewusst zu beenden – „Mut zur Lücke“ eben. Heute will ich einen Schritt weitergehen. Denn Loslassen und Fokussieren sind keine zwei getrennten Schritte, die nacheinander kommen – sie gehören untrennbar zusammen. Während ihr aus dem, was ihr tut, das Beste heraussucht, lasst ihr automatisch anderes los. Und vor allem geht es um die Frage: Was ist eigentlich das Beste – und wie finde ich es?
Diesen Artikel widme ich einer Haltung, die gerade in schwierigen Zeiten Gold wert ist: sich auf das Wesentliche konzentrieren. Statt immer mehr zu wollen, immer noch ein Angebot draufzulegen, immer noch eine Idee umzusetzen, dreht ihr die Richtung um. Ihr verdichtet. Ihr sucht den Kern. Ihr fragt: Was ist von zehn Ideen die beste – und was lasse ich dafür los?
Warum gerade jetzt weniger mehr ist
Viele von euch arbeiten ehrenamtlich, mit knapper Zeit, schmalem Budget und in Teams, die ohnehin schon viel stemmen. Dazu kommen gesellschaftliche Herausforderungen, die Druck machen und Kraft kosten. In so einer Lage ist die Versuchung groß, noch mehr anzubieten, um „alles abzudecken“. Aber das Gegenteil ist klüger.
Wer sich verzettelt, macht vieles halb. Wer sich fokussiert, macht weniges richtig gut. Und für Kinder und Jugendliche macht genau das den Unterschied: nicht die Zahl der Angebote, sondern die Qualität der Zeit, die ihr mit ihnen verbringt. Ein einziges, gut vorbereitetes und mit Freude getragenes Angebot wirkt mehr als fünf, die ihr nur noch abarbeitet.
Fokussieren ist deshalb kein Verzicht. Es ist Fürsorge – für eure Teilnehmenden, für euer Team und für euch selbst.
Die Grundfrage: Was lasse ich los?
Bevor ihr das Beste auswählen könnt, müsst ihr ehrlich hinschauen, was alles auf dem Tisch liegt. Sammelt erst einmal alles: alle Angebote, alle Ideen, alle „Das machen wir doch schon immer so“-Dinge. Schreibt sie auf, ohne zu werten.
Dann kommt die unbequeme, aber befreiende Frage: Was davon lasse ich los? Nicht, weil es schlecht ist, sondern weil nicht alles gleich wichtig sein kann. Loslassen heißt hier nicht „für immer streichen“ – manchmal heißt es auch pausieren, vereinfachen oder an andere abgeben.
Drei Hilfsfragen, die das Loslassen leichter machen:
- Wirkung: Bringt das den Kindern und Jugendlichen wirklich etwas – oder läuft es nur noch mit?
- Kraft: Was kostet es uns an Zeit und Energie – und steht das im Verhältnis?
- Freude: Machen wir das gern – oder schleppen wir es nur mit?
Was bei allen drei Fragen schwächelt, darf gehen. Das schafft Platz.
Die Methode: Vom Vielen zum Wesentlichen
Jetzt kommt der spannende Teil – das Verdichten. Die Idee dahinter ist simpel: Ihr nehmt viele Ideen und schält Schicht für Schicht das Beste heraus, bis am Ende der Kern übrig bleibt. Ich nenne das gern den Ideen-Trichter.
Schritt 1 – Zehn Ideen sammeln. Tragt mit eurem Team (oder direkt mit der Gruppe!) möglichst viele Ideen zusammen. Zehn ist eine gute Zielzahl: genug, um Auswahl zu haben, nicht so viel, dass es unübersichtlich wird. Hier wird noch nicht bewertet – jede Idee darf erst einmal sein.
Schritt 2 – Kriterien festlegen. Bevor ihr auswählt, klärt: Was macht für uns eine gute Idee aus? Das können eure Werte sein – etwa: Wer kann mitmachen? Ist es offen für alle, unabhängig von Herkunft, Geld oder Können? Ist es ressourcenschonend? Können die Kinder und Jugendlichen mitgestalten? Wer die Kriterien vorher klärt, wählt nicht aus dem Bauch, sondern bewusst.
Schritt 3 – Von zehn auf drei. Streicht gemeinsam, bis nur noch drei Ideen übrig sind. Das tut manchmal weh, aber genau das ist der Punkt: Ihr trefft eine Entscheidung. Eine einfache Methode ist das Punkten – jede Person bekommt ein paar Klebepunkte und verteilt sie auf ihre Favoriten.
Schritt 4 – Von drei auf eins. Jetzt die Königsfrage: Wenn wir nur eine Sache richtig gut machen dürften – welche wäre es? Diskutiert die letzten drei ehrlich. Oft merkt ihr beim Reden, welche Idee am meisten Energie hat, bei welcher die Augen leuchten. Das ist meistens die beste.
Schritt 5 – Den Kern benennen. Nehmt die Gewinner-Idee und fragt: Was ist eigentlich der Kern daran? Warum ist gerade die so gut? Wenn ihr das in einem Satz sagen könnt, habt ihr nicht nur eine Idee gefunden, sondern verstanden, was euch wirklich wichtig ist. Dieser Kern hilft euch auch bei allen künftigen Entscheidungen.
Den Kern suchen – immer weiter vereinfachen
Das eigentliche Ziel hinter dieser Methode ist eine Haltung: immer weiter vereinfachen, bis nur noch das Beste übrig bleibt. Das gilt nicht nur für die Auswahl zwischen Angeboten, sondern auch innerhalb eines Angebots.
Nehmt eine Gruppenstunde, die ihr plant. Statt sie mit fünf Programmpunkten vollzustopfen, fragt: Was ist der eine Moment, um den sich alles dreht? Welches eine Spiel, welches eine Gespräch, welche eine Erfahrung trägt diese Stunde? Baut drumherum nur noch das, was diesen Kern stützt – und lasst den Rest weg.
Das ist anfangs ungewohnt, weil wir es gewohnt sind, Lücken zu füllen. Aber Kinder und Jugendliche brauchen keine durchgetaktete Stunde. Sie brauchen Raum, Beziehung und Erlebnisse, die wirken. Weniger Programm heißt oft: mehr echte Zeit.
Macht es zu eurer Sache – und zu ihrer
Ein wichtiger Hinweis zum Schluss: Diese Methode ist keine reine Leitungs-Aufgabe. Sie wird umso stärker, je mehr ihr eure Gruppe einbezieht.
Lasst Kinder und Jugendliche selbst sammeln, punkten und auswählen, welches Angebot, welcher Ausflug, welches Projekt das beste ist. Das ist gelebte Mitbestimmung – und nebenbei lernen sie etwas fürs Leben: dass man nicht alles haben kann, dass Auswählen zum Entscheiden gehört und dass es okay ist, etwas loszulassen, um etwas anderes richtig gut zu machen.
Bei jüngeren Kindern arbeitet ihr dafür bildhaft und spielerisch – etwa mit gemalten Ideen, die in eine „Schatzkiste“ wandern. Bei Jugendlichen könnt ihr offener diskutieren und ihnen die Auswahl wirklich überlassen. So wird aus einer Planungsmethode ein Stück Beteiligung.
Mein Fazit
Exnovation hat euch gezeigt, wie ihr Altes loslasst. Dieser Schritt zeigt euch, wie ihr aus dem, was ihr macht, das Beste herausschält. Und das Entscheidende: Beides läuft nicht nacheinander, sondern parallel. Ihr wartet nicht erst, bis „aufgeräumt“ ist, um dann zu fokussieren. Ihr fokussiert mitten im Tun – aus dem, was gerade da ist, sucht ihr das Beste. Wenn dadurch Raum frei wird, kommen neue Ideen dazu, und auch die schält ihr wieder auf ihren Kern herunter. So entsteht ein Kreislauf: verdichten, Raum gewinnen, Neues finden, wieder verdichten.
Genau das macht den Unterschied zu einem einmaligen Aufräumen. Fokussieren ist keine Aktion, die ihr einmal abschließt, sondern eine Haltung, die euch dauerhaft begleitet. Eure Jugendarbeit ist nie „fertig fokussiert“ – sie bleibt in Bewegung, und das ist gut so.
Gerade in schwierigen Zeiten ist das die vielleicht wichtigste Fähigkeit für gute Jugendarbeit – nicht möglichst viel zu tun, sondern das Richtige. Fragt euch immer wieder: Was lassen wir gerade los? Und was ist von all dem, was wir tun und uns einfällt, das Beste? Wenn ihr darauf eine ehrliche Antwort findet, habt ihr schon halb gewonnen.
Viel Mut beim Weglassen und beim Auswählen.






