Die Geschichte von Sankt Martin kennen viele Kinder schon aus der Kita. Damit sie trotzdem lebendig bleibt, lohnt es sich, sie einmal anders zu erzählen. Bei einer Mitmachgeschichte hört die Gruppe nicht nur zu, sondern macht mit: Zu bestimmten Wörtern gibt es Geräusche und Bewegungen, die alle gemeinsam ausführen. So wird aus der bekannten Legende ein kleines Erlebnis, bei dem alle gespannt aufpassen. Für Jugendliche findet ihr am Ende eine Variante mit Perspektivwechsel.
So funktioniert die Mitmachgeschichte
Alle sitzen im Kreis oder auf Kissen am Boden. Bevor ihr mit der Geschichte beginnt, übt ihr die Bewegungen zu den Schlüsselwörtern ein. Die Wörter sind im Text fett markiert. Immer wenn eines davon fällt, macht die Gruppe die passende Bewegung. Lest langsam und macht kurze Pausen nach den Schlüsselwörtern, damit alle Zeit zum Mitmachen haben.
Die Schlüsselwörter und Bewegungen
- Martin: Alle setzen sich aufrecht hin und legen eine Hand aufs Herz.
- Pferd: Mit beiden Händen abwechselnd auf die Oberschenkel klopfen wie Hufgetrappel.
- Wind: Alle pusten laut „huuuh“.
- Schnee: Mit den Fingern von oben nach unten rieseln lassen.
- frieren: Mit den Armen um den Körper zittern und „brrr“ sagen.
- Mantel: Sich selbst mit beiden Armen fest umarmen.
- Schwert: Mit der Hand eine schneidende Bewegung machen und „ritsch“ rufen.
- Licht: Die Hände vor dem Körper öffnen wie eine kleine Flamme.
Tipp: Bei jüngeren Kindern reichen vier oder fünf Schlüsselwörter. Startet zum Beispiel mit Martin, Pferd, Wind, frieren und Mantel und lasst die anderen weg. Bei älteren Kindern könnt ihr die Bewegungen auch gemeinsam mit der Gruppe erfinden, bevor die Geschichte beginnt.
Die Geschichte
Vor sehr langer Zeit lebte ein junger Mann, der hieß Martin. Sein Vater war Offizier im römischen Heer, und so wurde auch Martin Soldat, obwohl er sich das nicht selbst ausgesucht hatte. Er bekam ein Pferd, eine Uniform, ein Schwertund einen großen, warmen Mantel, wie ihn alle Reiter trugen.
Eines Abends im Winter ritt Martin auf seinem Pferd zurück in die Stadt Amiens. Es war schon dunkel, und ein eisiger Wind pfiff über das Land. Dicker Schnee fiel vom Himmel und blieb auf den Wegen liegen. Martin zog seinen Mantelenger um die Schultern, denn selbst er begann zu frieren.
Als er sich dem Stadttor näherte, sah er im Schatten der Mauer jemanden sitzen. Es war ein Mann, der kaum etwas anhatte. Seine Kleidung war dünn und zerrissen, seine Füße waren nackt, und er zitterte am ganzen Körper vor Kälte. Er musste schrecklich frieren. Viele Leute waren an diesem Abend an ihm vorbeigegangen. Manche hatten weggesehen, andere waren schneller gelaufen, weil der Wind so kalt war und sie schnell nach Hause wollten.
Auch Martin hätte einfach weiterreiten können. Aber er hielt sein Pferd an. Er sah den Mann an, und der Mann sah ihn an. Martin hatte kein Geld bei sich und kein Essen. Er hatte nur sein Schwert und seinen Mantel. Da wusste er, was er tun konnte.
Er stieg von seinem Pferd, nahm den Mantel von den Schultern und zog sein Schwert. Mit einem kräftigen Schnitt teilte er den Mantel in zwei Hälften. Die eine Hälfte legte er dem Mann behutsam um die Schultern. Die andere Hälfte behielt er für sich selbst. Der Mann sah ihn erstaunt an, und zum ersten Mal an diesem Abend musste er nicht mehr so sehr frieren.
Manche Soldaten, die das gesehen hatten, lachten über Martin, weil er mit einem halben Mantel komisch aussah. Doch das war Martin egal. Er stieg wieder auf sein Pferd und ritt durch Wind und Schnee weiter in die Stadt. In seinem Herzen war es warm.
Später verließ Martin das Heer und wurde ein Mann, der sein ganzes Leben lang anderen half. Die Menschen wählten ihn schließlich zum Bischof der Stadt Tours. Bis heute erinnern sich viele Menschen an ihn. Jedes Jahr im November tragen Kinder Laternen durch die dunklen Straßen. Ihr Licht erinnert daran, dass ein kleines Zeichen der Freundlichkeit die Welt ein bisschen heller machen kann. Und so leuchtet das Licht von Martin bis heute weiter.
Hinweis zur Sprache: In vielen Fassungen der Legende ist vom „Bettler“ die Rede. In dieser Version wird bewusst vom frierenden Mann gesprochen, um die Würde der Person in den Mittelpunkt zu stellen. Wenn Kinder nach dem Wort fragen, könnt ihr erklären, dass Menschen, die auf der Straße leben, oft keine andere Wahl haben, und dass niemand dafür ausgelacht werden sollte.
Nach der Geschichte: Ins Gespräch kommen
Lasst die Geschichte kurz nachwirken, bevor ihr ins Gespräch geht. Mit Kindern eignen sich einfache Fragen, die an ihre eigenen Erfahrungen anknüpfen:
- Wie hat sich der Mann am Stadttor wohl gefühlt, bevor Martin kam?
- Warum ist Martin stehen geblieben, obwohl die anderen weitergegangen sind?
- Hast du schon einmal etwas geteilt, obwohl es dir schwergefallen ist?
- Was könnten wir heute teilen, wenn wir keinen Mantel haben?
Variante für Jugendliche: Perspektivwechsel
Für Jugendliche wirkt eine Mitmachgeschichte mit Bewegungen schnell zu kindlich. Spannender ist es, die Geschichte aus einer anderen Perspektive zu erzählen. Teilt die Gruppe in Kleingruppen auf und gebt jeder Gruppe eine Rolle: den frierenden Mann, einen Soldaten, der über Martin gelacht hat, eine Passantin, die weggesehen hat, oder Martins Pferd. Jede Gruppe schreibt die Geschichte aus der Sicht ihrer Figur neu, als inneren Monolog, als Tagebucheintrag oder als kurze Szene. Anschließend werden die Ergebnisse vorgetragen.
In einem zweiten Schritt könnt ihr die Geschichte in die Gegenwart holen. Wo begegnet euch heute jemand, der friert, im wörtlichen oder im übertragenen Sinn? Wer sitzt heute am Stadttor? Wer geht vorbei, und warum? Daraus entstehen oft intensive Gespräche über Obdachlosigkeit, Einsamkeit, Ausgrenzung und Zivilcourage.
Für die Auswertung eignen sich diese Fragen:
- Wie hat sich die Geschichte verändert, als ihr sie aus einer anderen Sicht erzählt habt?
- Warum sehen Menschen weg, wenn jemand Hilfe braucht?
- Was bräuchte es, damit niemand mehr am Stadttor frieren muss?
- Was ist euer „halber Mantel“, also etwas, das ihr teilen könnt, ohne selbst alles herzugeben?
Hinweis: Bei diesen Themen können persönliche Erfahrungen zur Sprache kommen, etwa mit Armut in der eigenen Familie oder mit Ausgrenzung. Achtet darauf, dass niemand bloßgestellt wird, macht Beiträge freiwillig und seid nach der Gruppenstunde ansprechbar. Wer weiterführende Unterstützung braucht, kann sich an Vertrauenspersonen oder Beratungsstellen wie die Nummer gegen Kummer wenden.
Material
- ein Ausdruck der Geschichte mit markierten Schlüsselwörtern
- Kissen oder Stuhlkreis
- optional eine Laterne oder LED-Kerze in der Mitte
- für die Jugendvariante Papier, Stifte und Rollenkarten





