Am Abend des 25. Juli 2026 ist beim Christopher Street Day in Berlin ein Auto in die Menschenmenge gefahren. Eine Frau starb, fast 30 Menschen wurden verletzt, mehrere davon schwer. Die Veranstaltung wurde abgebrochen. Die Ermittlungsbehörden gehen von einem islamistisch motivierten Anschlag aus.
Solche Nachrichten erreichen auch deine Gruppenstunde – über Handys, über Instagram, über das, was die Jugendlichen am Wochenende mitbekommen haben. Und sie treffen nicht alle gleich. Für manche ist das eine Meldung unter vielen. Für andere ist es ein Angriff auf einen Ort, an dem sie sich sicher fühlen sollten, oder auf eine Community, zu der sie gehören – ob sie das offen zeigen oder nicht.
Genau dieser letzte Punkt ist der Grund, warum dieser Artikel keine fertige Anleitung sein kann, sondern eine Haltung beschreibt: Du weißt nie, wer in deiner Gruppe queer ist. Viele Jugendliche sind es nicht offen – nicht in der Gruppe, nicht zu Hause, manchmal nicht einmal sich selbst gegenüber ganz klar. Alles, was du nach einem solchen Ereignis tust, sollte diese Unsicherheit mitdenken.
Erst mal: Sicherheit vor Aufarbeitung
Du musst die Gruppenstunde nicht zu einer Trauerfeier oder einer politischen Diskussionsrunde machen, nur weil etwas Schlimmes passiert ist. Der erste Schritt ist einfacher: Raum lassen. Wenn jemand das Thema ansprechen will, blockst du nicht ab. Wenn niemand etwas sagt, musst du es nicht erzwingen. Ein kurzer, ruhiger Satz reicht oft – etwas wie: „Falls jemand über das Wochenende in Berlin reden möchte, können wir das machen. Sonst machen wir ganz normal weiter.“ Damit signalisierst du: Ich habe es mitbekommen, es ist okay, darüber zu reden, und es ist okay, es nicht zu tun.
Niemanden outen
Der größte Fehler, der aus Fürsorge passiert, ist die direkte Frage an Einzelne: „Bist du eigentlich betroffen, weil du ja …“ Auch wenn eine Person dir mal etwas anvertraut hat, ist eine Gruppenstunde nicht der Ort, das aufzugreifen, ohne gefragt zu werden. Sprich die Gruppe als Ganzes an, nie Einzelpersonen stellvertretend für „die queeren Jugendlichen“. Wer sich angesprochen fühlt, meldet sich von selbst – wenn er oder sie will.
Deine eigene Haltung zeigen, ohne Druck aufzubauen
Du darfst und solltest klarmachen, dass Angriffe auf queere Menschen in deiner Gruppe keinen Platz für Relativierung haben. Das ist etwas anderes als eine Diskussion über Täter, Motive oder Politik zu eröffnen. Ein klarer Satz zur Solidarität schafft Sicherheit für alle, die betroffen sein könnten, ohne dass sich jemand outen muss, um diese Solidarität zu bekommen.
Wie ihr über den Anschlag sprecht, falls ihr sprecht
Wenn das Thema aufkommt, hilft es, ein paar Dinge im Kopf zu haben:
- Bleibt bei den gesicherten Fakten und vermeidet es, Gerüchte oder ungeprüfte Details aus sozialen Netzwerken weiterzutragen.
- Der Täter braucht keine Bühne. Es geht nicht darum, wer er war oder was ihn angetrieben hat – es geht um die Betroffenen und darum, wie es der Gruppe gerade geht.
- Fragen wie „Wie geht es euch damit?“ öffnen mehr Raum als „Was denkt ihr über den Anschlag?“ – Ersteres lädt zu Gefühlen ein, Zweiteres zu einer Diskussion, die manche überfordern kann.
Auf Signale achten, ohne zu forcieren
Manche Jugendliche werden nichts sagen, aber trotzdem Anzeichen zeigen: Rückzug, Gereiztheit, ungewohntes Schweigen, plötzliches Desinteresse an Themen, die sie sonst beschäftigen. Das muss nicht bedeuten, dass jemand queer ist oder direkt betroffen ist – es kann auch allgemeine Verunsicherung durch die Nachrichtenlage sein. Wichtig ist, es wahrzunehmen, ohne es öffentlich zu benennen. Ein Angebot unter vier Augen nach der Gruppenstunde („Falls du reden willst, bin ich da“) funktioniert oft besser als jede Ansprache vor der Gruppe.
Hilfsangebote kennen, aber nicht selbst zur Fachkraft werden
Du bist Jugendleiter*in, keine Therapeutin oder kein Therapeut. Wenn du merkst, dass jemand mehr braucht, als du auffangen kannst, ist es kein Scheitern, weiterzuvermitteln. Für queere Jugendliche gibt es spezialisierte, anonyme Anlaufstellen wie die Beratung des LSVD+ oder das Queer Lexikon mit seinem anonymen Kummerkasten für junge Menschen. Für akute Krisen jeder Art bleibt die Nummer gegen Kummer (116 111) rund um die Uhr erreichbar. Es kann sinnvoll sein, diese Nummern einmal beiläufig für die ganze Gruppe sichtbar zu machen – zum Beispiel am Infobrett –, statt sie gezielt an Einzelne weiterzugeben.
Und du selbst?
Auch dich kann so eine Nachricht mitnehmen, gerade wenn du selbst Teil der Community bist oder Menschen kennst, die beim CSD waren. Sprich mit deinem Verband, deinem Träger oder Co-Leiter*innen darüber, wie ihr als Team damit umgeht, bevor ihr vor die Gruppe tretet. Ihr müsst diesen Abend nicht allein tragen.
Das gilt auch für euch als Leitungsteam über den ersten Abend hinaus: Nehmt euch bewusst Zeit für Reflexion untereinander, statt gleich zur nächsten Gruppenstunde überzugehen. Wenn ihr wisst, dass Mitleiter*innen in eurem Team selbst queer sind, ruft sie an – nicht um sie fachlich einzuspannen, sondern um für sie da zu sein. Ein einfaches „Ich denk an dich, wie geht’s dir gerade?“ macht oft mehr Unterschied als jede organisierte Maßnahme.
Nicht jede Gruppenstunde nach diesem Wochenende braucht ein großes Thema daraus zu machen. Aber jede Gruppenstunde profitiert davon, wenn du als Leitung weißt, dass in deinem Raum wahrscheinlich Menschen sitzen, für die das keine abstrakte Nachricht war – auch wenn du nicht weißt, wer.
💡 Konkrete Sätze für die Gruppenstunde
Falls dir die richtigen Worte gerade fehlen, hier ein paar Formulierungen zum Anpassen:
Zum Einstieg, offen für die ganze Gruppe:
💭 „Manche von euch haben bestimmt von dem Anschlag beim Berliner CSD gehört. Falls jemand darüber reden möchte, nehmen wir uns kurz Zeit. Falls nicht, ist das genauso okay.“
💭 „Ich möchte nur sagen: Was da in Berlin passiert ist, hat mich auch beschäftigt. Falls es euch ähnlich geht, seid ihr damit hier nicht allein.“
Um Gefühle statt Meinungen einzuladen:
💭 „Wie geht es euch, wenn ihr an das Wochenende denkt?“ statt „Was denkt ihr über den Anschlag?“
💭 „Gibt es etwas, das euch gerade beschäftigt – muss nicht mal genau dieses Thema sein?“
Für das Vier-Augen-Gespräch danach:
💭 „Mir ist aufgefallen, dass du heute etwas ruhiger warst. Kein Muss, aber falls du reden willst, hast du mich.“
💭 „Falls dich irgendwas beschäftigt – egal was –, weißt du, dass du zu mir kommen kannst, auch außerhalb der Gruppenstunde.“
Klare Haltung, ohne jemanden bloßzustellen:
💭 „So ein Angriff richtet sich gegen Menschen, weil sie sind, wer sie sind. Dafür gibt es hier keine Rechtfertigung.“
Musik als Zugang, wenn direkte Worte schwerfallen
Manchmal öffnet ein Song mehr als eine direkte Frage – gerade weil niemand sich outen oder positionieren muss, um mitzureden. Aus den Musik-Gruppenstunden passen diese drei besonders gut, falls du lieber über einen Song ins Gespräch kommen willst als über das Ereignis selbst:
- Akzeptanz und Selbstliebe – zu „Born This Way“ von Lady Gaga: Thema Selbstannahme, ohne dass jemand sich outen muss, um sich angesprochen zu fühlen
- Entdecke dein wahres Ich – zu „Doppelleben“ von Elif: passt zum Gefühl, nicht überall man selbst sein zu können
- Die Kraft der Erinnerung – zu „Erinnerung“ von Philipp Dittberner: eignet sich, um Verlust und Trauer behutsam zu thematisieren
Weiterführende Artikel im Jugendleiter-Blog
➡️ Wenn das Weltgeschehen Angst macht: Mit Kindern ins Gespräch kommen
➡️ Umgang mit Zukunftsängsten von Kindern und Jugendlichen
➡️ Queere Jugendarbeit (Jugendleiter-Podcast mit Lambda Bayern)
➡️ Rechtes Gedankengut und Jugendarbeit passen nicht zusammen
➡️ Kommunikation und Vertrauen: Offenheit fördern und Einsamkeit ansprechen
➡️ Wie man Jugendliche motiviert, über ihre Gefühle zu sprechen
➡️ Resilienz bei Jugendlichen fördern: Zugehörigkeit als Schlüssel






