Selbstliebe. Das klingt erstmal nach Wellness-Apps, Instagram-Zitaten und teuren Retreats. Dabei ist es eines der wichtigsten Themen, die wir mit Jugendlichen besprechen können – und eines der persönlichsten.
Was meint Selbstliebe eigentlich?
Selbstliebe bedeutet nicht, sich selbst toll zu finden oder narzisstisch durchs Leben zu gehen. Es geht um etwas viel Grundlegenderes: sich selbst wahrzunehmen, die eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen und mit sich selbst so umzugehen, wie man auch mit einem guten Freund oder einer guten Freundin umgehen würde – mit Geduld, Mitgefühl und ohne ständige Selbstkritik. Selbstliebe ist kein Zustand, den man einmal erreicht und dann hat. Sie ist eine Haltung, die man immer wieder neu einnehmen muss – an guten wie an schwierigen Tagen.
Warum ist das heute ein Thema?
Weil die Bedingungen, unter denen Jugendliche heute aufwachsen, Selbstliebe systematisch erschweren. Soziale Medien zeigen rund um die Uhr optimierte Körper, kuratierte Lebensläufe und Erfolgsgeschichten – gefiltert, bearbeitet und auf maximale Aufmerksamkeit ausgerichtet. Algorithmen belohnen Perfektion und Reichweite, nicht Echtheit. Gleichzeitig wächst der Leistungsdruck: in der Schule, in der Ausbildung, im Freizeitbereich. Wer bin ich, wenn ich nicht funktioniere? Wer bin ich, wenn ich nicht mithalte? Diese Fragen stellen sich viele Jugendliche – und finden darauf in ihrer Umgebung oft keine hilfreichen Antworten. Psychische Belastungen wie Angststörungen, Burnout und Essstörungen nehmen in dieser Altersgruppe seit Jahren zu. Selbstliebe ist in diesem Kontext keine Luxusfrage, sondern eine Frage der mentalen Gesundheit.
Warum ein Thema für die Jugendarbeit?
Weil Jugendarbeit genau der Raum ist, den es dafür braucht. Kein Notendruck, keine Bewerbungsmappe, keine Eltern im Hintergrund. In Jugendgruppen können Jugendliche Dinge ausprobieren, Schwächen zeigen und über echte Gefühle sprechen – wenn wir als Jugendleiter*innen diesen Raum bewusst gestalten. Wer sich selbst mag, geht anders mit anderen um, ist widerstandsfähiger gegen Druck von außen und kann klarer sagen, was er oder sie braucht. Das sind genau die Fähigkeiten, die wir in der Jugendarbeit stärken wollen: Selbstwahrnehmung, Selbstwirksamkeit und eine gesunde Beziehung zu sich selbst.
Aber wie bringt man das Thema in eine Jugendgruppe, ohne dass es sich anfühlt wie Schulstunde? Und wie schafft man einen Raum, in dem sich alle trauen, ehrlich zu sein? Hier sind meine Tipps.
1. Selbstliebe ist kein Dauerzustand – und das ist okay
Ein häufiges Missverständnis: Selbstliebe bedeutet nicht, sich selbst immer toll zu finden. Sie bedeutet, immer wieder zu sich zurückzufinden. Das ist ein Prozess, keine Eigenschaft.
Was ihr tun könnt: Sprecht das direkt an. Fragt in die Runde: „Gibt es Tage, an denen ihr euch selbst nicht so gut findet?“ – fast alle werden nicken. Allein das ist schon entlastend. Wenn Kinder und Jugendliche merken, dass dieses Gefühl normal ist und alle es kennen, verliert es einen Teil seiner Macht.
2. Raus aus dem Algorithmus – rein in die echte Wahrnehmung
Soziale Medien zeigen uns täglich, wie wir angeblich aussehen, sein und leben sollten. Das betrifft Kinder und Jugendliche massiv – und es betrifft uns Erwachsene genauso. Schönheit, die von einem Algorithmus definiert wird, hat wenig mit echter menschlicher Schönheit zu tun.
Aktion für die Gruppe: Macht eine „Offline-Einheit“ – ohne Handys, ohne Spiegel, ohne Fotos. Geht gemeinsam raus in die Natur, kocht zusammen, baut etwas. Lasst einfach sein. Sprecht danach darüber: Wie hat sich das angefühlt? Was habt ihr wahrgenommen, was ihr sonst nicht wahrnehmt?
3. Den eigenen Körper neu entdecken – ohne Bewertung
Viele Kinder und Jugendliche stehen in einem dauerhaften Verhältnis der Bewertung zu ihrem Körper: zu groß, zu klein, zu laut, zu wenig sportlich. Selbstliebe bedeutet auch, den Körper als etwas wahrzunehmen, das da ist – nicht als etwas, das bewertet werden muss.
Methode: Körperwahrnehmungsübungen, die auf Funktion statt Aussehen fokussieren. „Was kann dein Körper heute?“statt „Wie sieht er aus?“ Das können Bewegungsspiele sein, Entspannungsübungen oder gemeinsames Tanzen ohne Bewertung. Wichtig: Kein Vergleich, keine Kommentare über Körper – weder positiv noch negativ.
4. Langeweile zulassen – das Gehirn braucht Stille
Selbstliebe hat auch mit der Fähigkeit zu tun, allein mit sich zu sein – ohne Ablenkung, ohne Beschäftigung. Das fällt in einer reizüberfluteten Welt besonders schwer. Und trotzdem: Wer sich selbst kennenlernen will, braucht Stille.
Was ihr ausprobieren könnt: Plant bewusst unstrukturierte Zeit ein. Kein Programm, keine Aufgabe – einfach Raum zum Herumliegen, Nachdenken, Schauen. Viele Kinder und Jugendliche werden das erstmal seltsam finden. Sprecht danach darüber, was in ihnen vorgegangen ist.
5. Auf die eigenen Bedürfnisse hören – Partizipation fängt bei sich selbst an
Mitbestimmung in der Gruppe beginnt damit, dass jede*r weiß, was sie oder er braucht. Wer essen will, wenn er oder sie Hunger hat. Wer schlafen kann, wenn er oder sie müde ist. Das klingt banal – ist es aber nicht. Viele Kinder und Jugendliche haben gelernt, ihre eigenen Bedürfnisse zu ignorieren oder kleinzureden.
Reflexionsfrage für die Gruppe: „Wann habt ihr zuletzt auf euren Körper gehört – und nicht auf das, was gerade von euch erwartet wurde?“ Das kann ein gutes Gespräch anstoßen, das weit über das Thema Selbstliebe hinausgeht.
6. Schönheit neu definieren – gemeinsam
Schönheit ist divers. Schönheit ist nicht das, was uns auf Werbeplakaten oder in Social-Media-Feeds begegnet. Schönheit steckt darin, lebendig zu sein.
Kreative Aktion: Lasst die Gruppe Bilder oder Collagen davon gestalten, was sie schön finden – an sich selbst, an anderen, an der Welt. Ohne Filter, ohne Likes, ohne Algorithmus. Hängt die Ergebnisse auf und schaut sie gemeinsam an.
7. Nicht produktiv sein müssen – auch das ist Selbstliebe
Unsere Gesellschaft bewertet Menschen oft danach, was sie leisten. Das gilt auch für Kinder und Jugendliche, die sich ständig beweisen müssen – in der Schule, im Sport, in der Freizeit. Selbstliebe bedeutet auch: Ich bin genug, ohne etwas zu tun.
Satz für die Gruppe: „Erfüllt und nicht produktiv“ – das kann ein schöner Diskussionsimpuls sein. Was bedeutet das? Kennen Kinder und Jugendliche das Gefühl? Wann hatten sie es zuletzt?
Ein letzter Gedanke
Ihr als Jugendleiter*innen seid in einer besonderen Position: Ihr könnt Räume schaffen, in denen Kinder und Jugendliche sich selbst begegnen – ohne Leistungsdruck, ohne Bewertung, ohne Algorithmus. Das ist kein kleines Ding. Das ist ziemlich viel wert.
Selbstliebe ist kein Thema, das man einmal abhandelt und dann abhakt. Es ist etwas, das immer wieder auftaucht – in Gesprächen, in Aktionen, in der Art, wie ihr miteinander umgeht. Und vielleicht fängt es damit an, dass ihr euch selbst auch mal fragt: Wann habe ich zuletzt auf mich selbst gehört?
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