Halloween ist für viele Jugendliche vor allem Verkleidung, Süßkram und der Spaß am Gruseln. Unter all den Kostümen steckt aber eine alte Idee: In der dunkelsten Zeit des Jahres stellen sich Menschen dem, was ihnen Angst macht, und zünden ein Licht dagegen an. Genau hier setzt diese Gruppenstunde an. Statt Geistern und Monstern geht es um die Ängste, die Jugendliche wirklich mit sich herumtragen: Angst, nicht dazuzugehören, zu versagen, jemanden zu verlieren, Angst vor der Zukunft oder davor, wie andere über einen denken. Die Fantasiereise öffnet einen ruhigen Raum, in dem diese Gedanken auftauchen dürfen, ohne dass jemand sie laut aussprechen muss. Die anschließende Aktion verwandelt sie in etwas Sichtbares und Tröstliches.
Die Einheit eignet sich für Jugendliche ab etwa zwölf Jahren und funktioniert in Gruppen von fünf bis fünfzehn Personen am besten.
Material
- Teelichter oder LED-Kerzen, ausreichend Streichhölzer
- Leere Schraubgläser, eins pro Person
- Transparentpapier in verschiedenen Farben, Scheren, Kleber
- Kleine Zettel und Stifte
- Ein ausgehöhlter Kürbis oder eine dunkle Box als „Sammelort“
- Wolldecken oder Kissen für eine bequeme Liegefläche
- Optional: ruhige Instrumentalmusik
Hinweise für Leitende
Bevor ihr startet, lohnt sich ein ehrlicher Blick auf eure Gruppe. Eine Fantasiereise über Ängste kann bei einzelnen Jugendlichen mehr anstoßen, als man von außen sieht. Macht deshalb von Anfang an klar, dass niemand etwas erzählen muss und dass alles, was während der Reise auftaucht, erst einmal nur der Person selbst gehört. Wer die Augen lieber offen lässt oder zwischendurch aussteigen möchte, darf das jederzeit tun, ohne sich erklären zu müssen.
Abdunkeln ja, aber nicht stockfinster: Ein paar Kerzen in der Mitte sorgen für Atmosphäre und geben gleichzeitig Sicherheit. Lest den Text langsam und mit vielen Pausen vor, die drei Punkte im Text markieren Stellen, an denen ihr innehalten solltet. Eure Stimme darf ruhig und warm sein, auf keinen Fall gruselig.
Behaltet die Gruppe auch nach der Einheit im Blick. Wenn jemand sichtlich bewegt ist, sprecht die Person später in Ruhe an. Es ist völlig in Ordnung, nicht alles auffangen zu können. Wichtig ist, dass ihr wisst, wo es weitere Hilfe gibt, etwa bei der Nummer gegen Kummer, die für Kinder und Jugendliche unter 116 111 erreichbar ist.
Die Fantasiereise
Mach es dir bequem. Du kannst dich hinlegen oder sitzen bleiben, ganz wie es sich für dich gut anfühlt. Wenn du magst, schließ die Augen. Wenn nicht, such dir einen Punkt auf dem Boden, auf dem dein Blick ruhen kann …
Atme einmal tief ein … und langsam wieder aus. Spür, wie dein Körper schwerer wird, wie er vom Boden getragen wird. Du musst gerade nichts tun und nichts leisten. Du darfst einfach da sein …
Stell dir vor, es ist ein Abend Ende Oktober. Du stehst am Rand eines kleinen Ortes, und die Sonne ist gerade untergegangen. Der Himmel ist noch dunkelblau, an manchen Stellen fast violett. Die Luft ist kühl und riecht nach feuchtem Laub und ein bisschen nach Rauch, als hätte irgendwo jemand ein Feuer angezündet. Du ziehst deine Jacke etwas enger um dich …
In den Fenstern der Häuser stehen Kürbisse mit geschnitzten Gesichtern. Manche grinsen, manche schauen verschmitzt, und in jedem flackert ein kleines Licht. Von weitem hörst du Kinder lachen, die verkleidet von Tür zu Tür ziehen. Es ist ein lebendiger, freundlicher Abend …
Vor dir beginnt ein schmaler Weg, der aus dem Ort hinausführt. Am Anfang des Weges steht eine Laterne auf dem Boden, als hätte sie jemand nur für dich dort abgestellt. Du hebst sie auf. Sie ist warm in deiner Hand, und ihr Licht ist weich und golden. Mit der Laterne machst du dich auf den Weg …
Der Weg führt dich an einer alten Steinmauer entlang und dann auf eine weite Wiese. Langsam steigt Nebel aus dem Gras auf. Er ist nicht unheimlich, eher wie ein leichter, weißer Schleier, der alles etwas weicher macht. Du gehst ruhig weiter, Schritt für Schritt, und deine Laterne zeigt dir immer gerade so viel vom Weg, wie du brauchst …
Im Nebel bemerkst du Schatten. Sie haben keine klaren Formen, und sie kommen nicht auf dich zu. Sie stehen einfach da, still, am Rand des Weges. Du spürst, dass diese Schatten etwas mit dir zu tun haben. Jeder von ihnen ist etwas, das dir manchmal Sorgen macht oder Angst. Vielleicht Dinge, über die du nachts nachdenkst. Vielleicht Dinge, über die du noch nie mit jemandem gesprochen hast …
Du bleibst stehen. Du musst keine Angst vor diesen Schatten haben, denn hier auf diesem Weg kann dir nichts passieren. Du hast deine Laterne, und du entscheidest selbst, wie nah du herangehst …
Such dir einen der Schatten aus. Nur einen. Den, der dir gerade am meisten auffällt … Geh langsam ein paar Schritte auf ihn zu und heb deine Laterne. Das Licht fällt auf den Schatten, und plötzlich kannst du erkennen, was er ist. Vielleicht ist es ein Gefühl. Vielleicht eine Situation, ein Gedanke oder ein Mensch. Schau einfach hin, ohne etwas daran ändern zu wollen …
Wenn du genau hinsiehst, merkst du vielleicht, dass der Schatten im Licht ein bisschen kleiner wirkt als vorher im Nebel. Oder dass hinter ihm etwas anderes steckt, als du gedacht hast. Vielleicht steckt hinter der Angst ein Wunsch. Der Wunsch, gemocht zu werden. Der Wunsch, dass alles gut ausgeht. Der Wunsch, dass jemand bleibt … Frag den Schatten ganz leise: Was willst du mir eigentlich sagen? … Du musst keine Antwort bekommen. Vielleicht kommt eine, vielleicht auch nicht. Beides ist in Ordnung …
Und jetzt frag dich selbst: Was würde mir helfen, wenn dieser Schatten wieder auftaucht? Ist es ein Mensch, an den du denkst? Ein Satz, den du dir sagen könntest? Ein Ort, an dem du dich sicher fühlst? … Während du darüber nachdenkst, bemerkst du, dass in deiner Laterne etwas Neues liegt. Ein kleines Licht, nicht größer als ein Glühwürmchen, das vorher nicht da war. Es ist dein eigenes Licht. Es steht für das, was dir Mut macht. Du kannst es mitnehmen, egal wohin du gehst …
Du drehst dich um und gehst den Weg zurück. Der Nebel lichtet sich langsam. Die Schatten sind noch da, aber sie stehen jetzt weiter weg, und du weißt, dass du sie anschauen kannst, wenn du willst. Du musst sie nicht allein tragen … Du kommst zurück an die Steinmauer, zurück in den Ort mit den leuchtenden Kürbissen. Das Lachen der Kinder klingt jetzt ganz nah. Du stellst die Laterne wieder an den Anfang des Weges, aber das kleine Licht trägst du in dir weiter … Jetzt kommst du langsam wieder hier bei uns an. Spür den Boden unter dir. Beweg vorsichtig deine Finger und deine Zehen. Atme noch einmal tief ein und aus. Wenn du so weit bist, streck dich, öffne die Augen und schau dich in Ruhe im Raum um.
Das Nachgespräch
Lasst nach der Reise erst einmal einen Moment Stille zu, bevor ihr ins Gespräch geht. Jugendliche brauchen oft etwas Zeit, um wieder ganz anzukommen. Ein guter Einstieg ist eine sehr offene Frage, etwa wie es den Einzelnen gerade geht oder welches Bild aus der Reise noch nachhallt. Lenkt das Gespräch bewusst weg von konkreten persönlichen Ängsten und hin zu allgemeineren Gedanken: ob die Schatten im Licht anders aussahen als im Nebel, warum es manchmal hilft, Angst genau anzuschauen, oder was eigentlich der Unterschied zwischen einer Angst und einer Sorge ist.
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Spannend ist auch die Frage, wozu Angst überhaupt gut ist. Viele Jugendliche erleben Angst nur als etwas Störendes. Im Gespräch kann deutlich werden, dass sie uns auch schützt und zeigt, was uns wichtig ist. Wer Angst hat, Freund*innen zu verlieren, dem bedeuten diese Freundschaften offensichtlich viel. Diese Perspektive kann entlastend wirken, ohne Ängste kleinzureden.
Aktion: Laternen gegen die Dunkelheit
Die Aktion knüpft direkt an das Bild aus der Fantasiereise an und gibt den Gedanken eine Form, die man mit nach Hause nehmen kann. Sie verläuft in zwei Schritten.
Im ersten Schritt erhält jede Person einen kleinen Zettel und schreibt anonym eine Angst darauf, die sie kennt. Das kann die eigene sein, aber ausdrücklich auch eine, von der man glaubt, dass viele Jugendliche sie haben. Diese Freiheit nimmt Druck raus. Die Zettel werden gefaltet und im Kürbis oder in der dunklen Box gesammelt. Anschließend zieht eine leitende Person die Zettel und liest sie ohne Kommentar vor, alternativ legt ihr sie offen in die Mitte. Fast immer passiert dabei etwas Wichtiges: Die Gruppe merkt, wie viele Ängste sich ähneln. Was sich allein riesig anfühlt, teilen plötzlich auch andere im Raum. Ihr könnt diesen Moment kurz benennen, ohne ihn zu zerreden.
Im zweiten Schritt geht es vom Schatten zum Licht. Alle bekommen ein Schraubglas und gestalten daraus mit Transparentpapier ihre eigene Laterne. Auf einen Streifen Papier, der um das Glas geklebt wird, schreibt jede Person ihr persönliches Mutlicht aus der Fantasiereise: einen Satz, der Mut macht, den Namen eines Menschen, der hilft, oder einen Gedanken, den man sich in schwierigen Momenten sagen möchte. Wer mag, schreibt zusätzlich einen Mutmacher für die Gruppe auf, der zu einer der vorgelesenen Ängste passt, und legt ihn in die Mitte.
Zum Abschluss werden alle Teelichter angezündet. Wenn es die Umgebung erlaubt, geht ihr gemeinsam mit den Laternen ein Stück nach draußen in die Dunkelheit, ganz in der Tradition der leuchtenden Kürbisse an Halloween. Ein stiller Laternengang wirkt oft stärker als jede Abschlussrunde. Drinnen funktioniert es genauso, wenn ihr das Licht ausschaltet und die Laternen im Kreis aufstellt. Die Zettel mit den Ängsten könnt ihr anschließend gemeinsam zerreißen oder, wo es sicher möglich ist, in einer Feuerschale verbrennen. Die Laternen nehmen alle mit nach Hause, als kleine Erinnerung daran, dass man der Dunkelheit nicht allein begegnen muss.






