Teil 1: Verstehen, wer Jugendleiter*innen sind (und sein können)
Bevor ihr anfangt, Menschen für die Jugendarbeit zu gewinnen, lohnt sich ein genauer Blick: Wer macht Jugendarbeit – und warum eigentlich? Was bewegt Menschen dazu, ihre Freizeit für Kinder und Jugendliche einzusetzen? Und was hält sie davon ab?
Wer das versteht, kann viel gezielter vorgehen – und vermeidet die häufigen Fallen bei der Suche nach Engagierten.
Typische Profile und Motivationen
„Die Jugendleiterin“ oder „den Jugendleiter“ gibt es nicht. Menschen, die sich in der Kinder- und Jugendarbeit engagieren, sind so vielfältig wie die Gesellschaft selbst – oder sollten es sein. In der Praxis gibt es dennoch einige Profile, die sich häufig finden:
Die Ehemaligen Viele Jugendleiter*innen waren selbst Teil einer Gruppe und wollen „etwas zurückgeben“. Sie kennen die Struktur, fühlen sich zugehörig und haben oft eine klare emotionale Bindung an die Organisation. Ihre Stärke: hohe Identifikation. Ihre Herausforderung: Manchmal schwer, neue Impulse reinzubringen oder bestehende Strukturen zu hinterfragen.
Die Quereinsteiger*innen Menschen, die über Umwege zur Jugendarbeit kommen – vielleicht durch Freund*innen, durch ein FSJ oder einfach, weil sie zufällig gefragt wurden. Oft bringen sie frische Perspektiven, kreative Ideen und andere Lebenserfahrungen mit. Ihre Stärke: Vielfalt. Ihre Herausforderung: Sie brauchen mehr Orientierung am Anfang.
Die Hauptamtlichen und Semiprofis Sozialpädagoginnen, Erzieherinnen oder Studierende sozialer Fachrichtungen, die das Ehrenamt mit ihrer beruflichen Entwicklung verbinden. Sie bringen Fachwissen mit und wissen oft, worauf es ankommt. Ihre Stärke: Professionalität. Ihre Herausforderung: Manchmal Rollenkonflikte zwischen Beruf und Ehrenamt.
Die Jungen Erwachsenen 16- bis 25-Jährige, die selbst noch mitten in der Jugendphase stecken oder diese gerade verlassen. Oft sind sie nah an den Interessen der Kinder und Jugendlichen, authentisch und auf Augenhöhe. Ihre Stärke: Nähe zur Zielgruppe. Ihre Herausforderung: Wenig Erfahrung, viel Koordinationsbedarf.
Die Eltern und Familienmenschen Menschen, die sich engagieren, weil ihre eigenen Kinder Teil einer Gruppe sind. Oft sehr motiviert, gut vernetzt in der lokalen Gemeinschaft – aber auch abhängig von der eigenen Familiensituation. Ihre Stärke: konkreter Bezug. Ihre Herausforderung: Engagement endet oft, wenn das eigene Kind die Gruppe verlässt.
Reflexionsfrage: Welche Profile dominieren in eurem Team? Welche fehlen? Und was sagt das über eure bisherige Ansprache aus?
Was Menschen antreibt – und was sie abhält
Engagement entsteht nie im Vakuum. Menschen entscheiden sich für oder gegen ein Ehrenamt aus ganz konkreten Gründen. Diese Gründe zu kennen, ist der erste Schritt zu einer wirkungsvollen Ansprache.
Was antreibt:
- Sinn erleben: Menschen wollen das Gefühl haben, etwas zu bewirken. Wenn Jugendleiter*innen sehen, wie eine Gruppe zusammenwächst oder ein Kind über sich hinauswächst, ist das oft die stärkste Motivation.
- Gemeinschaft: Freundschaften, Teamgefühl, das Zugehörigkeitsgefühl zu einer Gruppe – das ist für viele mindestens genauso wichtig wie die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen selbst.
- Persönliche Entwicklung: Jugendarbeit bietet echte Lernmöglichkeiten – Leadership, Kommunikation, Konfliktlösung, Kreativität. Das wird zwar selten so benannt, aber oft so erlebt.
- Flexibilität: Im Vergleich zu vielen anderen Ehrenämtern lässt sich Jugendarbeit oft gut in den Alltag integrieren – vor allem, wenn die Rahmenbedingungen stimmen.
- Werte leben: Viele Menschen engagieren sich, weil sie etwas für eine gerechtere, freundlichere Gesellschaft tun wollen – direkt, konkret, mit echten Menschen.
Was abhält:
- Zeitmangel: Das am häufigsten genannte Hindernis. Oft steckt dahinter aber weniger ein echtes Zeitproblem als die Angst, sich zu viel zuzumuten.
- Zu viel Verantwortung auf einmal: Wenn der erste Schritt zu groß wirkt, traut man sich nicht.
- Unklare Strukturen: Wer weiß nicht, was auf einen zukommt, sagt lieber Nein.
- Fehlende Anerkennung: Wenn Engagement als selbstverständlich gilt und nicht gewürdigt wird, bleibt die Motivation auf Dauer nicht bestehen.
- Mangelnde Diversität im bestehenden Team: Menschen fühlen sich eher angesprochen, wenn sie sich in einem Team wiederfinden können. Ein homogenes Team sendet – oft unbewusst – Signale aus, wer „dazugehört“ und wer nicht.
Mehr Tipps zu Motivation in der Jugendarbeit:
FAQ: Was tun, wenn die Motivation für Engagement in der Jugendarbeit fehlt?
Motivierte Jugendleiter*innen: eigene Motivation und Gruppenmotivation steigern
Leitungs-Impuls: Dein Warum
Diversität im Team: Warum unterschiedliche Perspektiven stärken
Ein diverses Leitungsteam ist kein Nice-to-have – es ist ein Qualitätsmerkmal. Kinder und Jugendliche kommen aus unterschiedlichen Lebenswelten, haben unterschiedliche Bedürfnisse, sprechen unterschiedliche Sprachen, leben in unterschiedlichen Familienstrukturen. Ein Team, das diese Vielfalt widerspiegelt, kann besser auf sie eingehen.
Diversität in Jugendleitungsteams meint dabei mehr als Herkunft oder Geschlecht. Es geht um:
- Altersvielfalt: Jüngere und ältere Perspektiven ergänzen sich
- Geschlechtervielfalt und genderliche Offenheit: Alle Kinder und Jugendlichen sollen sich gesehen fühlen
- Kulturelle und sprachliche Vielfalt: Besonders in multikulturellen Gruppen ein echter Gewinn
- Unterschiedliche Lebens- und Berufserfahrungen: Handwerk, Kreativität, Technik, Soziales – all das bereichert
Ein divers aufgestelltes Team stellt auch sicher, dass nicht immer dieselben Stimmen gehört werden – und das macht Entscheidungen besser.
Was ihr konkret tun könnt: Schaut euch euer Team an und fragt ehrlich: Wen sprechen wir mit unserer aktuellen Ansprache an – und wen nicht? Wo findet ihr Menschen, die ihr bisher noch nicht erreicht habt? Und: Sind eure Strukturen so gestaltet, dass sich alle willkommen fühlen?
Diversität entsteht nicht durch einmalige Aktionen, sondern durch eine Kultur der Offenheit – und die beginnt damit, dass ihr euch diese Fragen stellt.
Reflexionsfrage: Wie divers ist euer Team aktuell? In welchen Bereichen (Alter, Hintergrund, Erfahrung) würdet ihr euch mehr Vielfalt wünschen – und was könnt ihr konkret tun, um das zu ändern?

