Teil 5: Wenn Menschen gehen – und wie ihr lernst
Menschen kommen und gehen. Das ist in der Jugendarbeit normal – und auch gut so. Ehrenamt auf Lebenszeit ist selten; die meisten Jugendleiter*innen haben eine Phase, in der sie aktiv sind, und eine, in der sie weitergehen. Manchmal wechseln sie in andere Rollen, manchmal verlassen sie die Organisation ganz.
Wie ihr mit diesem Gehen umgeht, sagt viel über eure Teamkultur aus. Und es hat direkte Auswirkungen auf das, was Neue erleben.
Natürliche Fluktuation annehmen und gestalten
Es gibt Fluktuation, die schmerzt – und Fluktuation, die dazugehört. Beides verdient Aufmerksamkeit, aber auf unterschiedliche Weise.
Natürliche Fluktuation entsteht durch Lebensveränderungen: Studium, Umzug, Job, Familie. Jemand, der jahrelang engagiert war, zieht in eine andere Stadt – das ist traurig, aber kein Versagen. Es gehört dazu.
Problematische Fluktuation entsteht, wenn Menschen gehen, weil sie sich nicht wohlfühlen, weil sie überfordert waren, weil sie sich nicht gehört fühlten – oder weil ihre Werte nicht zu denen der Organisation passen. Diese Fluktuation ist ein Signal.
Der Unterschied liegt oft in der Frage: Hätte es anders kommen können? Wenn die Antwort „ja“ ist, lohnt es sich, genauer hinzuschauen.
Was hilft:
- Fluktuation beobachten und dokumentieren. Wer geht? Wann? Warum (soweit bekannt)?
- Muster erkennen: Gehen Menschen besonders häufig nach einer bestimmten Phase? Aus bestimmten Rollen? Nach bestimmten Ereignissen?
- Ehrlich diskutieren: Was können wir besser machen?
Offboarding mit Respekt
So wichtig ein gutes Onboarding ist, so wichtig ist auch ein guter Abschluss. Wer eine Organisation gut verlässt, spricht positiv über sie – und kommt vielleicht irgendwann zurück, in einer anderen Form.
Was ein gutes Offboarding ausmacht:
- Ein persönliches Abschlussgespräch: Danke sagen, auf die gemeinsame Zeit zurückblicken, die Person fragen, was gut war und was nicht.
- Wissen weitergeben: Was hat die Person in ihrer Rolle gewusst, getan, gestaltet? Wie kann dieses Wissen erhalten bleiben? Ein kurzes Übergabedokument oder ein Gespräch mit der Nachfolge kann Gold wert sein.
- Kontakt halten: Ehemalige Jugendleiterinnen sind wertvolle Ressourcen – als Beraterinnen, als Netzwerk, als Botschafter*innen. Wer den Kontakt hält, schafft eine lebendige Alumni-Gemeinschaft.
- Verabschiedung feiern: Je nach Situation und Beziehung kann ein kleines Abschiedsfest oder eine gemeinsame Runde viel bedeuten. Das signalisiert: Deine Zeit hier hat Spuren hinterlassen.
Praxistipp: Legt eine kurze Vorlage für ein Abschlussgespräch an – mit drei bis fünf Fragen, die ihr bei jedem Offboarding stellt. Das sorgt für Kontinuität und zeigt, dass ihr den Abschluss ernst nehmt.
Feedback-Kultur als Lernquelle
Was treibt Menschen dazu, eine Organisation zu verlassen? Und was hätte sie halten können? Diese Fragen lassen sich nur beantworten, wenn eine echte Feedback-Kultur besteht – also ein Klima, in dem Rückmeldungen willkommen sind, gehört werden und zu Veränderungen führen.
Feedback-Kultur aufzubauen braucht Zeit und Konsequenz. Wer einmal erlebt hat, dass kritisches Feedback ignoriert oder gar bestraft wird, gibt es nicht mehr. Vertrauen ist die Grundlage.
Wege, Feedback zu ermöglichen:
- Regelmäßige anonyme Befragungen: Ein kurzer Fragebogen zwei- bis dreimal im Jahr – wie geht’s dir im Team? Was läuft gut? Was belastet dich?
- Feedbackrunden nach Aktionen und Projekten: Strukturierte Rückschauen direkt nach einer Freizeit oder einem Großprojekt.
- Einzelgespräche: Regelmäßige, vertrauliche Gespräche zwischen Teamleitung und einzelnen Jugendleiter*innen – nicht als Kontrolle, sondern als echtes Interesse.
- „Lernen aus dem Gehen“: Wer die Organisation verlässt, hat oft Erkenntnisse, die Gebliebene nicht haben. Ein offenes Abschlussgespräch mit dem expliziten Fokus auf Feedback ist eine wichtige Quelle.
Das Wichtigste beim Feedback: Nicht nur einholen, sondern damit arbeiten. Rückmeldungen, die im Nirgendwo verschwinden, entmutigen. Rückmeldungen, die sichtbare Veränderungen anstoßen, ermutigen – und bauen Vertrauen auf.
Reflexionsfrage: Wie offen ist eure Feedback-Kultur wirklich? Können Jugendleiter*innen kritische Dinge ansprechen – auch gegenüber der Teamleitung? Und: Was habt ihr zuletzt aufgrund von Feedback verändert?

