Wie reagiere ich, wenn im Klassenchat eine Parole fällt? Diese Gruppenstunde gibt Jugendlichen einen geschützten Übungsraum, um genau das auszuprobieren – ohne Belehrung, mit viel Selbermachen. Sie setzt die Methode aus dem Grundlagenartikel „Stammtischparolen kontern“ praktisch um.
Wichtig vorab: deine Haltung
Du moderierst, du belehrst nicht. Gib keine Meinung vor – das Überwältigungsverbot des Beutelsbacher Konsens gilt auch hier. Benenne zu Beginn die rote Linie: Bei strafbaren Aussagen (z. B. Holocaustleugnung) wird nicht diskutiert, hier zeigst du klar Haltung und brichst ab. Mehr dazu im Grundlagenartikel.
Der Ablauf
Phase 0 – Ankommen & Regeln (10 Min.)
Kurz erklären, worum es geht: kein Test, kein Schlagabtausch, sondern ein Übungsraum. Drei Regeln gemeinsam festhalten: respektvoller Umgang, jede*r darf aussteigen, und was hier gesagt wird, bleibt hier. Die rote Linie ansprechen.
Phase 1 – Parolen sammeln (15 Min.)
Frage in die Runde: „Welche Sprüche habt ihr schon gehört – auf dem Schulhof, im Chat, in Kommentaren?“ Die Jugendlichen schreiben sie auf Karten (auch anonym möglich) und heften sie an die Pinnwand. Erfahrungsgemäß kommt schnell eine ganze Wand zusammen. Wichtig: Es geht um reale Sätze aus ihrer Lebenswelt, nicht um Lehrbuchbeispiele.
Phase 2 – Muster erkennen (15 Min.)
Gemeinsam ein paar Karten genauer ansehen: Was steckt dahinter? Sortiert nach Mustern wie Pauschalisierung („die machen alle …“), Angstmache, Sündenbock-Logik oder Themenwechsel/Whataboutism. Die Jugendlichen merken: Hinter den meisten Parolen stecken wenige, wiederkehrende Maschen – und die kann man durchschauen.
Phase 3 – Kontertechniken kennenlernen (15 Min.)
Jetzt den Spickzettel austeilen und die Techniken durchgehen (siehe unten). An ein, zwei gesammelten Parolen gemeinsam vormachen, wie eine Technik konkret klingt. Betone besonders den Fokuswechsel: Ziel ist nicht, die Person umzustimmen, sondern die Mitzuhörenden zu erreichen.
Phase 4 – Üben im Rollenspiel (25 Min.)
Das Herzstück. In Zweier-Teams: Eine Person bringt eine Parole, die andere kontert zwei Minuten lang mit den Techniken. Danach Rollen tauschen. Wer mag, spielt eine Runde vor der Gruppe. Variante „Speed-Dating“: nach zwei Minuten rotieren, neue Paarung, neue Parole. Das senkt den Druck und bringt Tempo rein.
Phase 5 – Auswertung & Transfer (10 Min.)
Abschlussrunde: Was hat sich gut angefühlt? Was war schwer? Den Kerngedanken sichern – man muss nicht gewinnen, es reicht, sichtbar zu widersprechen. Zum Schluss die Frage: „Was nimmst du dir für das nächste Mal konkret vor?“
Der Spickzettel (zum Ausdrucken)
So konterst du eine Parole:
- Nachfragen: „Wen genau meinst du? Woher hast du das?“
- Pauschalisierung knacken: „Wirklich alle? Kennst du auch Gegenbeispiele?“
- Widerspruch zeigen: Den Denkfehler oder Widerspruch benennen.
- An die Zuhörer denken: Du sprichst für die, die zuhören – nicht für die Parole.
- Kurz halten: Position beziehen, ruhig bleiben, nicht endlos diskutieren.
- Rote Linie: Bei Hetze oder strafbaren Aussagen nicht diskutieren – Haltung zeigen, ggf. Hilfe holen, melden oder blocken.
Szenario-Karten (Beispiele)
Diese alltagsnahen Parolen eignen sich für die Rollenspiele – passe sie an das an, was deine Gruppe selbst genannt hat:
- „Die nehmen uns doch nur die Arbeitsplätze weg.“
- „Man wird ja wohl noch sagen dürfen.“
- „Die wollen sich doch gar nicht integrieren.“
- „Klimaschutz bei uns bringt nichts, solange China weitermacht.“
- „Früher war alles besser.“
Bewusst keine Slurs oder strafbaren Aussagen: An solchen Sätzen lässt sich Argumentieren üben, ohne Hass zu reproduzieren.
Altersvarianten
Mit Jüngeren (13–14) kürzer halten, mehr Beispiele vormachen und stärker auf die digitale Ebene (Chat) fokussieren. Mit Älteren (16+) kann die Auswertung tiefer gehen: Warum fällt Widerspruch so schwer, wenn die Parole von Freunden kommt? Hier lohnt ein Blick auf Gruppendruck und kognitive Dissonanz.
Stolperfallen für die Leitung
- Nicht selbst ins Dauer-Dozieren geraten – die Gruppe arbeitet, du moderierst.
- Niemanden zur „Parolen-Rolle“ zwingen; Freiwilligkeit schützt.
- Keine echten Streits zulassen – es bleibt ein Übungsraum.
- Toxische Positivität vermeiden: Sorgen der Jugendlichen ernst nehmen, nicht wegwischen.
Zum Weiterlesen
Auf dem Jugendleiter-Blog:
- Grundlagen: Stammtischparolen kontern – wie Argumentationstraining funktioniert
- Selbstwirksamkeit in der Gruppenstunde stärken – passt thematisch als Resilienz-Baustein
- Trend-Kolumne 3/2026: Was bewegt Kinder und Jugendliche? – u. a. zu rechtsextremer Radikalisierung
- Trend-Kolumne 1/2026: Was bewegt Kinder und Jugendliche? – politische Streitfragen im Jugendalltag
- Themenwelt „Demokratie“
Externe Quellen & Material:
- Argumentationstraining gegen Stammtischparolen – Netzwerk-Website
- Methodenbeschreibung bei sowi-online
- Interview mit Klaus-Peter Hufer (FES)
- Klaus-Peter Hufer: Das Standardwerk (Wochenschau Verlag)
Material: Moderationskarten, Stifte, Pinnwand oder Plakat, ausgedruckter Spickzettel (siehe oben), optional Szenario-Karten

