Jugendliche definieren sich nicht nur über ihre inneren Werte und ihre Biografie, sondern ganz wesentlich auch über ihr soziales Umfeld: Familie, Freundeskreis, Schule, Nachbarschaft, Jugendgruppe. Sie erfahren dort Zugehörigkeit – oder Ausschluss. Sie passen sich an – oder grenzen sich ab. Sie probieren sich aus und spiegeln sich in anderen.
Dieses Kapitel nimmt die soziale Dimension von Identität in den Blick. Die Methoden helfen Jugendlichen, ihre Beziehungen, Rollen und Gruppenzugehörigkeiten zu reflektieren: Wo fühle ich mich zu Hause? Wer gehört zu meinem Leben? Was verbindet mich mit anderen – und was macht mich einzigartig?
Dabei geht es nicht um Bewertung, sondern um Orientierung. Die Übungen zeigen, dass Identität kein statisches Einzelbild ist, sondern ein Geflecht von Beziehungen. Ziel ist es, Jugendlichen ein stärkeres Bewusstsein für ihre soziale Verortung zu geben – und für ihre Wirkung im Miteinander.
1. Soziales Netz
Die Jugendlichen gestalten ein sichtbares Netzwerk: Jeder erhält eine Karte mit dem eigenen Namen und schreibt die Namen von wichtigen Bezugspersonen drumherum – Familie, Freunde, Trainerinnen, Lehrkräfte. Dann werden mit Fäden Verbindungen geknüpft: Wer kennt wen? Wer unterstützt mich? In einer Variante kann das Netz auch als Bodenbild gelegt oder auf ein Plakat übertragen werden. Die Gruppe sieht so, wie viele Menschen Teil des eigenen Lebens sind – und wie sich soziale Verbindungen überlappen.
Material: Karten, Wolle oder Schnüre, ggf. Pinnwand, Stecknadeln oder Klebematerial
2. Gruppenbild
Diese Methode macht Gruppendynamiken sichtbar. Im Raum wird eine imaginäre Skala gelegt – z. B. mit Aussagen wie „Ich gehöre hier voll dazu“ bis „Ich fühle mich eher außen vor“. Die Jugendlichen positionieren sich dazu im Raum – anonym und ohne Begründung. Anschließend gibt es eine freiwillige Gesprächsrunde: Was hat mich bewegt, mich dort hinzustellen? Wie können wir dafür sorgen, dass alle sich zugehörig fühlen? Die Übung fördert das Gruppengefühl und gibt stillem Unbehagen einen Raum.
Material: Bodenmarkierungen (z. B. Klebeband oder Karten), ggf. Moderationskarten
3. Mein Platz in der Welt
Die Jugendlichen erhalten eine (Welt-)Karte und markieren Orte, die für sie eine Bedeutung haben: Herkunft, Wohnort, Urlaub, Familie, Traumorte. Dazu schreiben sie kurze Sätze – z. B. „Hier bin ich aufgewachsen“, „Hier fühle ich mich zu Hause“, „Hier würde ich gerne hin“. Wer möchte, stellt seine Karte vor. Diese Übung regt dazu an, über Zugehörigkeit nachzudenken: Was bedeutet Heimat? Wo spüre ich Verbindung – und wo vielleicht auch nicht?
Material: Kopien von Welt- oder Stadtplänen, Klebepunkte, Stifte
4. Identitätsblume
___STEADY_PAYWALL___
Die Jugendlichen erhalten eine Blumen-Vorlage, bei der jedes Blütenblatt eine Zugehörigkeit oder Rolle symbolisiert: z. B. Tochter/Sohn, Fußballerin, Gamer, Freundin, Schüler, Muslima, Großcousine. Sie schreiben oder malen, welche Gruppen Teil ihrer Identität sind. In der Mitte steht der eigene Name. In der Auswertung geht es darum, wie vielfältig Identität sein kann – und wie viele Gruppen uns gleichzeitig prägen. Die Methode fördert Selbstbewusstsein und Offenheit für Verschiedenheit.
Material: Blumen-Vorlagen, Stifte, ggf. Scheren und Deko-Material
5. Ich-Du-Wir
Diese Übung sensibilisiert für Perspektivwechsel: Jede*r schreibt drei kurze Aussagen über sich („Ich bin kreativ“, „Ich bin ruhig“, „Ich helfe gerne“). Dann formulieren sie je eine Aussage über eine andere Person („Du bist…“) und eine über die Gruppe („Wir sind…“). Die Aussagen werden gesammelt und gemeinsam gelesen. Dabei wird deutlich, wie sich Selbstbild und Fremdbild ergänzen – und welche gemeinsamen Werte oder Eigenschaften in der Gruppe spürbar sind.
Material: Karten oder Papierstreifen, Stifte, ggf. Pinnwand
6. Gruppenstärken
Hier erstellt die Gruppe gemeinsam eine Collage, die ihre Stärken, Werte und Besonderheiten zeigt. Dazu können Wörter, Bilder, Symbole oder auch Fotos verwendet werden. Die Collage wird auf ein großes Plakat geklebt und kann später im Gruppenraum hängen. Ziel ist es, den Blick nicht nur auf das Individuum, sondern auf das „Wir“ zu richten: Was zeichnet uns aus? Was verbindet uns? Die Methode stärkt die Gemeinschaft und lädt zur Identifikation mit der Gruppe ein.
Material: Großes Plakatpapier, Zeitschriften, Scheren, Kleber, Stifte
7. Nachbarschaftsspiel
Diese Übung bringt Jugendliche dazu, sich mit ihrem direkten Umfeld auseinanderzusetzen. In Gruppen gestalten sie eine Karte ihrer Nachbarschaft oder ihres Stadtteils: Wo gibt es Treffpunkte? Welche Orte sind wichtig oder gefährlich? Was wünsche ich mir für mein Viertel? Die Karten können am Boden oder auf Plakaten entstehen. In der Auswertung geht es um Lebenswelt, Zugehörigkeit und Beteiligung: Wie kann ich mein Umfeld mitgestalten?
Material: Papier, Marker, ggf. Stadtpläne, Bausteine, Spielfiguren
8. Steckbrief der Gruppe
Die Gruppe entwickelt einen gemeinsamen Steckbrief, ähnlich wie bei einem Menschen. Mögliche Felder: „Name der Gruppe“, „Dafür stehen wir“, „Das macht uns aus“, „Unsere Superkraft“, „Unser Lieblingsmoment“. Der Steckbrief kann kreativ gestaltet oder präsentiert werden. Ziel ist es, die Gruppenidentität bewusst zu machen und ein positives „Wir-Gefühl“ zu erzeugen. Besonders gut geeignet auch für neue oder heterogene Gruppen.
Material: Großes Plakatpapier, Stifte, Klebematerial, ggf. Vorlage
9. Brücken bauen
In dieser Übung finden die Jugendlichen Gemeinsamkeiten mit anderen – gerade dort, wo sie Unterschiede vermuten. Sie gehen durch den Raum und suchen gezielt nach Gemeinsamkeiten mit anderen: „Wir beide haben Geschwister“, „Wir mögen dieselbe Musik“, „Wir feiern das gleiche Fest“. Für jede gefundene Gemeinsamkeit wird ein Fadenstück gehalten, bis ein Netz entsteht. Die Übung zeigt: Vielfalt ist nicht trennend, sondern verbindend. Sie fördert Empathie und gegenseitigen Respekt.
Material: Wollfäden, Karten mit Impulsfragen (optional)
10. Ich als Teil des Ganzen
Die Jugendlichen gestalten ein großes Puzzle – jede*r erhält ein Teil, das sie kreativ mit Aspekten ihrer Persönlichkeit oder Rolle in der Gesellschaft füllen: Eigenschaften, Werte, Talente, Beiträge. Anschließend werden die Puzzleteile zusammengefügt. Die Methode verdeutlicht: Jede*r ist einzigartig, aber auch Teil eines größeren Ganzen. In der Reflexion geht es um Selbstwirksamkeit und Verantwortung: Was bringe ich ein? Wo sehe ich meinen Platz?
Material: Puzzlevorlagen, Papier, Scheren, Stifte, ggf. Klebefläche

