Trend-Kolumne 5/2026: Was bewegt Kinder und Jugendliche?

Zwischen digitaler Reizüberflutung, neuen Rollenbildern und wachsender psychischer Belastung zeigt sich im Alltag von Jugendlichen gerade ein spannendes Spannungsfeld: Sie suchen Orientierung, Entlastung und gleichzeitig auch Sichtbarkeit. Trends wie „Rawdogging“, „Alpha-Männlichkeit“ oder „Anxiety Bags“ wirken auf den ersten Blick sehr unterschiedlich, kreisen aber oft um ähnliche Fragen: Wie gehe ich mit Stress um? Wer will ich sein? Und wie werde ich wahrgenommen? Auch digitale Räume wie WhatsApp-Kanäle machen deutlich, wie stark sich Selbstausdruck, soziale Bedürfnisse und Risiken miteinander vermischen. Für Jugendleiter*innen lohnt sich ein genauer Blick hinter die Trends, denn sie sind weniger oberflächliche Hypes als Ausdruck tieferliegender Bedürfnisse und Unsicherheiten. Wer diese versteht, kann Jugendarbeit näher an der Lebenswelt der Teilnehmenden gestalten und relevante Räume für Austausch, Reflexion und Gemeinschaft schaffen.

Wenn Nichtstun zum Gegentrend wird: Warum „Rawdogging“ Jugendliche anspricht

Der Trend „Rawdogging“ beschreibt, dass Jugendliche und junge Erwachsene bewusst auf Ablenkung verzichten: kein Handy, keine Musik, kein Snack, einfach nur dasein – etwa im Zug, auf dem Sofa oder auf Reisen. Dahinter steckt ein Bedürfnis, der ständigen Reizüberflutung durch Social Media, Streaming und Dauererreichbarkeit etwas entgegenzusetzen. Viele junge Menschen sehen darin eine Art digitalen Gegenentwurf: mehr Ruhe, mehr Selbstbeobachtung, mehr Kontrolle über die eigene Aufmerksamkeit. Gleichzeitig zeigen Einordnungen, dass der Trend schnell ins Extreme kippen kann, wenn aus bewusster Pause eine harte Challenge wird, bei der sogar Essen, Trinken oder Bewegung als „Schwäche“ gelten. Dann wird aus Achtsamkeit eher Selbstoptimierung mit Leistungsdruck. Spannend ist deshalb weniger das provokante Trendwort als die dahinterliegende Sehnsucht: Jugendliche suchen Wege, mit Überforderung, Bildschirmmüdigkeit und innerer Unruhe umzugehen.

Ableitungen für die Jugendarbeit

Für die Jugendarbeit ist das ein Hinweis, dass bewusste Offline-Momente wichtiger werden. Nicht jedes Leerlaufgefühl muss sofort gefüllt werden. Gruppenstunden, Fahrten oder Ferienlager können Räume schaffen, in denen Kinder und Jugendliche mal ohne Dauerinput sein dürfen – aber ohne daraus eine “heroische” Verzichtsübung zu machen. Sinnvoll sind niederschwellige Formate wie stille Einstiege, handyfreie Teilzeiten, Naturmomente oder Reflexionsphasen, in denen Langeweile nicht als Problem, sondern als Erfahrung vorkommen darf. Zugleich sollten Jugendleiter*innen kritisch ansprechen, wenn Selbstfürsorge online wieder als Wettbewerb inszeniert wird. Ziel ist nicht extremes Durchhalten, sondern ein gesunder Umgang mit Reizen, Pausen und den eigenen Bedürfnissen. Methoden und Ideen dazu gibt es auch in meinem Kartenset “Abenteuer(l)Ich: Achtsamkeit und Selbsterfahrung in der Natur“.

Becoming an Alpha-Male: Wenn Männlichkeit zur Mutprobe wird

Ein Artikel im “The New Yorker” beschreibt einen Trend, bei dem Männer und teils auch Jugendliche in teuren Camps zu „Alpha-Männern“ geformt werden sollen. Die Programme arbeiten mit Härte, Grenzerfahrungen und starken Bildern: durch Schlamm robben, schwere Lasten tragen, sich anschreien lassen, traumatische Erfahrungen aufarbeiten. Dahinter steht ein Männlichkeitsideal, das Dominanz, Stärke und Unverletzlichkeit verspricht und über soziale Medien, rechte Kulturkämpfe und die sogenannte Manosphere zusätzlichen Schub bekommt. Zugleich zeigt der Text aber auch, warum solche Angebote Resonanz finden: Viele Jungen und junge Männer erleben Einsamkeit, Druck, Unsicherheit, weniger enge Freundschaften und eine größere Hürde, Hilfe für psychische Belastungen anzunehmen. Der „Alpha“-Begriff selbst ist wissenschaftlich fragwürdig und wird laut dem Artikel oft eher als Verkaufs- und Machtfantasie benutzt. Deutlich wird: Hinter der martialischen Inszenierung steckt häufig ein echtes Bedürfnis nach Orientierung, Zugehörigkeit und emotionaler Sicherheit.

Ableitungen für die Jugendarbeit

Für Jugendleiter*innen ist wichtig, solche Trends nicht nur als „toxisch“ abzutun, sondern als Ausdruck echter Fragen von Jugendlichen zu lesen: Wie will ich als Junge oder junger Mann sein? Wo gehöre ich hin? Was gibt mir Halt? Jugendarbeit kann hier Gegenräume schaffen, in denen Stärke nicht mit Härte verwechselt wird. Sinnvoll sind Angebote, in denen Jugendliche Verantwortung, Teamgeist, Körpererfahrung und Selbstwirksamkeit erleben, ohne Demütigung, Abwertung von Frauen / weiblich gelesenen Personen oder starre Rollenbilder. Gerade Jungen brauchen Orte, an denen sie über Druck, Unsicherheit und Gefühle sprechen können, ohne dafür an Anerkennung zu verlieren. So kann Jugendarbeit ein vielfältigeres, gesünderes Verständnis von Männlichkeit fördern.

Zwischen Selbsthilfe und Selbstdruck: „Anxiety Bags“ als Spiegel der Gen Z

Jugendliche packen sogenannte „Anxiety Bags“ – kleine Taschen mit Gegenständen wie Stressbällen, Snacks, Fotos oder beruhigenden Notizen, die in Momenten von Angst helfen sollen. Auf den ersten Blick wirkt das wie eine kreative und niedrigschwellige Form der Selbstfürsorge. Tatsächlich zeigt der Trend, wie präsent Themen wie Stress, Überforderung und Angststörungen im Alltag vieler Jugendlicher sind.

Gleichzeitig gibt es eine ambivalente Seite: Durch die Inszenierung des Packens dieser Taschen in sozialen Medien kann Selbstfürsorge auch performativ werden. Jugendliche vergleichen ihre „Bags“, optimieren sie und setzen sich damit indirekt unter Druck, ihre mentale Gesundheit „richtig“ zu managen. Der Trend bewegt sich also zwischen echter Hilfe und sozialem Wettbewerb. Er macht sichtbar, dass psychische Belastungen enttabuisiert werden – aber auch, dass Lösungen oft individualisiert bleiben, statt strukturelle Ursachen wie Leistungsdruck oder Unsicherheit zu thematisieren.

Ableitungen für die Jugendarbeit

Jugendarbeit kann solche Trends aufgreifen und reflektieren, statt sie abzuwerten. „Anxiety Bags“ bieten einen guten Einstieg, um mit Jugendlichen über Stress, Coping-Strategien und mentale Gesundheit ins Gespräch zu kommen. Gleichzeitig sollten Jugendleiter*innen Räume schaffen, in denen es nicht um Selbstoptimierung geht, sondern um echte Entlastung: gemeinschaftliche Erfahrungen, Austausch und das Gefühl, nicht allein zu sein. Wichtig ist, Jugendliche darin zu stärken, dass es keine perfekte Strategie gegen Angst gibt – und dass Hilfe holen genauso legitim ist wie Selbsthilfe.

Zwischen digitalem Tagebuch und Risiko-Raum: Wie WhatsApp-Kanäle Jugendliche herausfordern

WhatsApp-Kanäle entwickeln sich für Kinder und Jugendliche zu einem Raum, in dem sie sich selbst darstellen, Beziehungen gestalten und Aufmerksamkeit suchen. Das zeige eine neue Studie der Medienanstalt NRW. Viele junge Admins handeln dabei unbedarft: Sie teilen persönliche Fotos, intime Gedanken und sensible Informationen wie Wohnort, Schule oder Alltagsroutinen. Gleichzeitig treibt sie ein starkes Bedürfnis nach Anerkennung und Status an – sichtbar in der Jagd nach immer mehr Followern. Dabei wird die tatsächliche Reichweite oft unterschätzt. Die Folge: Inhalte geraten leicht außer Kontrolle, können weiterverbreitet oder missbraucht werden.

Besonders kritisch ist die emotionale Offenheit. Jugendliche sprechen öffentlich über Liebeskummer, Depression oder andere psychische Belastungen – ohne geschützten Rahmen oder professionelle Begleitung. In verlinkten Gruppen oder anonymen Plattformen entstehen zudem Räume, in denen Mobbing, Hate oder ungeeignete Inhalte auftreten können. Auch gut gemeinte Peer-Beratung birgt Risiken: Probleme werden verharmlost, falsche Tipps gegeben und professionelle Hilfe verzögert. Insgesamt bewegen sich Jugendliche hier zwischen Selbstausdruck, sozialem Experimentierraum und realen Gefahren für Privatsphäre und psychische Gesundheit.

Ableitungen für die Jugendarbeit

Jugendarbeit sollte diese Dynamiken ernst nehmen und aktiv aufgreifen. Es braucht Räume, in denen Jugendliche über ihre Online-Erfahrungen sprechen und Risiken reflektieren können – ohne Verbote, aber mit klarer Orientierung. Besonders wichtig ist die Sensibilisierung für Privatsphäre: Was gebe ich preis und wer kann das sehen? Gleichzeitig sollten Jugendleiter*innen Themen wie psychische Gesundheit bewusst begleiten und deutlich machen, wo Peer-Austausch endet und professionelle Hilfe notwendig ist. Auch der Umgang mit Anerkennung und Selbstwert im digitalen Raum sollte thematisiert werden. Projekte, in denen Jugendliche eigene Inhalte reflektiert erstellen, können helfen, ein gesünderes Verständnis von Öffentlichkeit, Verantwortung und digitaler Selbstpräsentation zu entwickeln.

Beitrag speichern
gespeichert
Daniel
Daniel
Hey, ich bin der Kopf hinter dem Jugendleiter-Blog und war über zehn Jahren in der Jugendarbeit aktiv, habe viele Jahre einen Verband geleitet und blogge hier seit mehr als 15 Jahren über meine Erfahrungen aus mehr als 100 Freizeittagen und 200 Gruppenstunden. Du findest hier fertige Gruppenstunden, Spiele, Freizeit-Ideen und mehr von mir. Die besten Spiele und Ideen sind als Bücher erschienen.

Jede Woche neue Ideen und Anregungen mit dem Jugendleiter-Newsletter!

Schon über 8.200 Jugendleiter*innen erhalten meinen Newsletter – hol auch du dir regelmäßig frische Ideen für Gruppenstunde, Ferienlager und Co. in dein Postfach.

Ähnliche Artikel entdecken

Kommentare & Anmerkungen

HINTERLASSE EINEN KOMMENTAR

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein