Jugendliche bewegen sich aktuell in einer Lebenswelt voller Widersprüche: Sie engagieren sich für Klimaschutz, misstrauen aber politischen Versprechen. Sie inszenieren sich online kreativ und humorvoll, während Trends wie #Pingtok reale Risiken verbergen. Sie gehen bewusster mit Sexualität um, setzen auf Beziehung und Selbstbestimmung – und finden zugleich neue Vorbilder in queeren Serien und globalen Popkulturen. Diese Trend-Kolumne bündelt zentrale Beobachtungen aus Studien, Medien und Jugendkultur und zeigt, was Jugendliche gerade beschäftigt, antreibt oder auch belastet. Für Jugendleiter*innen bietet sie einen kompakten Überblick über aktuelle Entwicklungen – und Impulse dafür, wie Gruppenstunden, Projekte und Gespräche lebensweltorientiert, kritisch und empowernd gestaltet werden können.
Viel Engagement, wenig Vertrauen: Wie Jugendliche auf Klimapolitik blicken
Eine aktuelle Greenpeace-Studie zeigt: Jugendliche sorgen sich stark um den Klimawandel, haben aber nur wenig Vertrauen in die politische Handlungsfähigkeit. Viele Jugendliche erleben eine große Diskrepanz zwischen politischen Versprechen und tatsächlichen Maßnahmen. Klimaschutz wird von ihnen als dringend wahrgenommen, gleichzeitig fühlen sie sich von Entscheidungsträger*innen nicht ernst genommen. Statt Resignation führt das jedoch oft zu eigenem Engagement: Jugendliche informieren sich selbst, ändern ihr Konsumverhalten und engagieren sich zivilgesellschaftlich. Auffällig ist, dass sie Politik nicht grundsätzlich ablehnen, sondern konkrete, nachvollziehbare Schritte einfordern. Die Studie der Greenpeace macht deutlich: Jugendliche erwarten Verlässlichkeit, Transparenz und echte Beteiligung. Klimaschutz ist für sie kein abstraktes Zukunftsthema, sondern Teil ihrer Gegenwart und Lebensplanung – verbunden mit Fragen von Gerechtigkeit, sozialer Teilhabe und globaler Verantwortung.
Ableitungen für die Jugendarbeit
Für die Jugendarbeit bedeutet das: Klimaschutz bleibt ein zentrales Thema, sollte aber nicht nur moralisch, sondern handlungsorientiert aufgegriffen werden. Jugendliche brauchen Räume, um Frust über Politik zu äußern, ohne belehrt zu werden. Gleichzeitig können Projekte, Mitbestimmungsformate oder Kooperationen mit lokalen Initiativen zeigen, dass Engagement Wirkung haben kann. Wichtig ist, unterschiedliche Lebensrealitäten mitzudenken und Klimaschutz mit sozialen Fragen zu verbinden – etwa Mobilität, Konsum oder Zukunftsängste. So wird das Thema greifbar, empowernd und inklusiv.
Trend „#Pingtok“ auf TikTok: Wenn Drogenkonsum zum Content wird
Auf TikTok verbreitet sich aktuell der Hashtag #Pingtok, unter dem junge Menschen ihren Drogenkonsum zeigen — oft fast schon ästhetisch verpackt mit rosa Filtern, Musik und Hashtags. Was harmlos wirkt, kann reale Risiken bergen: Die Clips zeigen wiederholt Ecstasy (MDMA), Speed, Ritalin oder Kokain-ähnliche Szenen und werden von vielen Jugendlichen angesehen und geteilt. Es entsteht ein Bild, in dem Rausch, große Pupillen oder das Gefühl von „Liebe“ im Drogenrausch romantisiert werden. In Kommentaren wird teils offen nach Drogen in der eigenen Stadt gefragt, und über andere Plattformen wie Telegram kommt es teilweise zum anonymen Handel.
Fachleute warnen, dass hinter solchen Trends oft belastende Erfahrungen, Leistungsdruck oder depressive Symptome stehen, die Jugendliche in eine gefährliche Spirale ziehen können. Alleinkonsum ist besonders riskant, weil niemand hinschaut und niemand eingreift.
Ableitungen für die Jugendarbeit
Jugendarbeit sollte diesen Trend ernst nehmen: Er zeigt, wie soziale Medien Inhalte über Drogen darstellen — nicht nur als Warnung, sondern oft als cooles Erlebnis. In Gruppenstunden kann dies Anlass sein, über Medienkompetenz zu sprechen: Wie erkenne ich verharmlosende Darstellungen? Wie wirke ich dem Leistungsdruck und Einsamkeit entgegen? Gleichzeitig empfiehlt es sich, Räume für echte Gespräche über Gefühlen, Stress und Sucht zu schaffen – ohne zu moralisieren, sondern unterstützend und offen. Kooperationen mit Beratungsstellen und Aufklärungseinheiten über Substanzrisiken können helfen, Jugendliche stärker dafür zu sensibilisieren, was hinter solchen Hashtags steht.
Jugendliche warten – und entscheiden bewusster über Sexualität
Die aktuelle Jugendsexualitätsstudie des Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit zeigt einen deutlichen Wandel in der Lebenswelt von Jugendlichen. Viele machen ihre ersten sexuellen Erfahrungen heute später als frühere Generationen. Das erste Mal findet häufig erst im jungen Erwachsenenalter statt und meist in einer festen, vertrauensvollen Beziehung. Sexualität wird dabei weniger als etwas erlebt, das „man irgendwann haben muss“, sondern als persönliche Entscheidung, für die es den passenden Moment und die richtige Person braucht. Auffällig ist zudem der verantwortungsvolle Umgang mit Verhütung: Kondome sind beim ersten Geschlechtsverkehr weit verbreitet, ungeschützter Sex ist die Ausnahme. Sexualaufklärung erfolgt weiterhin vor allem über Schule und Elternhaus, während das Internet zwar präsent bleibt, aber nicht mehr die alleinige Informationsquelle ist. Insgesamt zeichnen die Ergebnisse das Bild einer Generation, die vorsichtiger, reflektierter und selbstbestimmter mit Sexualität umgeht.
Ableitungen für die Jugendarbeit
Für die Jugendarbeit heißt das, Räume zu schaffen, in denen unterschiedliche Lebensformen und Erfahrungen selbstverständlich nebeneinanderstehen. Sexualität kann ein Thema sein, muss aber nicht im Mittelpunkt stehen. Wichtig sind Angebote, die Beziehungserfahrungen, Gefühle, Freundschaft, Identität und Grenzen genauso aufgreifen wie Fragen zu Körperwissen oder Verhütung. Jugendarbeit kann Jugendliche darin unterstützen, ihre eigenen Werte zu entwickeln und Vielfalt als Normalität zu erleben. Entscheidend ist eine offene Haltung, die Orientierung bietet, ohne Sexualität zur Messlatte des Erwachsenwerdens zu machen.
Wenn Memes wie “Six-Seven” alt werden: Wie schnell sich Online-Humor für Jugendliche erschöpft
Ein Artikel bei The Atlantic beschreibt das Ende des sogenannten „Six-Seven“-Memes als Beispiel dafür, wie extrem kurzlebig Meme-Kultur im digitalen Alltag von Jugendlichen ist. Memes funktionieren für sie wie ein gemeinsamer Insider-Code: Wer ihn kennt, gehört dazu. Doch genau diese Exklusivität sorgt dafür, dass Trends sehr schnell „uncool“ werden, sobald sie zu breit, zu erklärt oder von Erwachsenen aufgegriffen werden. Jugendliche bewegen sich in Online-Räumen, in denen Humor, Sprache und Bilder permanent neu gemischt werden. Memes sind dabei weniger Inhalte mit tiefer Bedeutung als soziale Marker: Sie zeigen Zugehörigkeit, Timing und Medienkompetenz. Dass ein Meme „vorbei“ ist, heißt nicht, dass Jugendliche oberflächlich sind – vielmehr reagieren sie sensibel auf Kommerzialisierung, Wiederholung und Fremdzuschreibungen. Für Außenstehende wirkt das oft beliebig, für Jugendliche ist es ein wichtiger Teil ihrer digitalen Identitätsarbeit.
Ableitungen für die Jugendarbeit
Jugendarbeit muss nicht jedes Meme kennen oder „mitmachen“. Wichtiger ist, Meme-Kultur als Ausdruck von Kreativität, Gemeinschaft und Abgrenzung ernst zu nehmen. Wer nachfragt, warum etwas lustig ist – und wann nicht mehr –, kommt ins Gespräch über Gruppendynamiken, Online-Räume und digitale Machtverhältnisse. Angebote können Humor, Medienkritik und eigenes Gestalten verbinden, etwa durch Meme-Workshops oder Reflexionsrunden. Gleichzeitig gilt: Nicht jeder Trend ist harmlos. Jugendarbeit kann helfen, zwischen Spaß, Ausgrenzung und Grenzüberschreitungen zu unterscheiden, ohne die Lebenswelt der Jugendlichen abzuwerten.
Apropos: Hier sind die Meme-Charts für das Jahr 2025. Wie viele davon kanntest du?
Queere Serien werden sichtbarer – aber oft zeitversetzt
Die kanadische Serie Heated Rivalry, die international bereits große Aufmerksamkeit in queeren Communities auf sich gezogen hat, wird nun auch in Deutschland verfügbar – allerdings mit Verzögerung. Die Serie erzählt die Liebesgeschichte zweier Eishockeyspieler, die Rivalität, Leistungssport und eine geheime Beziehung miteinander verbinden. Gerade die Verbindung aus Sport, Männlichkeitsbildern und queerer Liebesgeschichte macht den Reiz der Serie aus. Der späte Deutschlandstart zeigt jedoch auch: Inhalte, die Vielfalt und queere Lebensrealitäten abbilden, erreichen junge Menschen hierzulande teilweise später als in anderen Ländern. Für Jugendliche, die sich online längst international orientieren, ist das nichts Neues. Streaming, Social Media und Fan-Communities sorgen dafür, dass solche Serien bereits bekannt sind, bevor sie offiziell verfügbar sind. Sichtbarkeit entsteht also zunehmend global – nationale Ausstrahlungslogiken verlieren an Bedeutung.
Ableitungen für die Jugendarbeit
Für die Jugendarbeit heißt das: Popkulturelle Inhalte aus Streaming und Social Media gehören selbstverständlich zur Lebenswelt von Jugendlichen. Serien wie Heated Rivalry können Gesprächsanlässe bieten – über queere Lebensrealitäten, Rollenbilder im Sport oder den Umgang mit Öffentlichkeit und Privatem. Dabei muss die Serie nicht im Fokus stehen, sondern kann Ausgangspunkt für breitere Themen wie Vielfalt, Zugehörigkeit und Anerkennung sein.

