„Ich sehe dich.“ Dieser kurze Satz kann für Kinder und Jugendliche unglaublich viel bedeuten. Er sagt: Du bist wahrgenommen. Deine Gedanken zählen. Deine Gefühle haben Platz. In einer Zeit, in der viele junge Menschen sich übersehen, bewertet oder funktionalisiert fühlen, wird Jugendarbeit zu einem besonderen Schutz- und Erfahrungsraum. Ein Raum, in dem Kinder und Jugendliche nicht leisten müssen, um dazuzugehören, sondern einfach sein dürfen.
Das Motto „Ich sehe dich“ beschreibt dabei weniger eine Methode als vielmehr eine Grundhaltung. Eine Haltung, die Jugendleiter*innen zu verlässlichen Ansprechpersonen macht – und die Kinder und Jugendlichen ermutigt, selbst achtsam und wertschätzend miteinander umzugehen.
Warum „Gesehen werden“ so wichtig ist
Kinder und Jugendliche tragen viele Fragen mit sich:
Wer bin ich? Bin ich richtig so? Was darf ich fühlen? Wer hört mir zu?
Wenn diese Fragen unbeantwortet bleiben, entsteht schnell das Gefühl von Einsamkeit – selbst in Gruppen.
Gesehen zu werden bedeutet nicht, immer Lösungen zu haben. Es bedeutet:
➡️ aufmerksam zuzuhören,
➡️ Gefühle ernst zu nehmen,
➡️ Interessen wahrzunehmen,
➡️ auch leise oder zurückhaltende Kinder nicht zu übersehen.
Für die Jugendarbeit heißt das: Beziehung kommt vor Programm. Erst wenn Kinder und Jugendliche sich sicher und angenommen fühlen, können sie sich öffnen, ausprobieren und wachsen.
Jugendleiter*innen als Ansprechpersonen – gesehen werden im Alltag
Jugendleiter*innen nehmen für Kinder und Jugendliche eine besondere Rolle ein. Ihr seid weder Eltern noch Lehrkräfte – und genau darin liegt eine große Chance. Ihr bewegt euch in einem Raum, der freiwillig ist, weniger von Bewertung geprägt und stärker von Beziehung. Für viele Kinder und Jugendliche seid ihr genau deshalb die Personen, denen sie Dinge anvertrauen, die sie anderswo nicht aussprechen würden. Sorgen, Zweifel, Konflikte, Fragen nach Identität oder Zugehörigkeit finden hier oft zum ersten Mal ein offenes Ohr.
Eine Haltung des „Ich sehe dich“ zeigt sich dabei nicht in großen Worten oder perfekten Gesprächen, sondern vor allem im Alltag. Sie zeigt sich darin, dass ihr euch Zeit nehmt – auch dann, wenn das Programm eigentlich weitergehen müsste. Dass ihr zuhört, ohne sofort Lösungen anzubieten. Dass ihr aushaltet, wenn etwas unausgesprochen bleibt, und signalisiert: Du darfst wiederkommen. Ich bin da. Gerade diese Verlässlichkeit macht euch zu Ansprechpersonen, denen Kinder und Jugendliche vertrauen können.
Gesehen zu werden bedeutet auch, ernst genommen zu werden. Wenn ein Kind von einem Streit erzählt oder eine Jugendlicher von Überforderung spricht, braucht es nicht sofort eine Einordnung oder Relativierung. Oft reicht es, das Gehörte zurückzuspielen, Gefühle zu benennen und zu zeigen: Das, was du erlebst, ist real und wichtig. Vertraulichkeit spielt dabei eine zentrale Rolle. Wer erlebt, dass persönliche Themen respektvoll behandelt werden, lernt, dass Offenheit sicher sein kann – eine Erfahrung, die viele Kinder und Jugendliche sonst kaum machen.
Die „Ich sehe dich“-Haltung zeigt sich besonders in den kleinen Momenten: im bewussten Aussprechen des Namens, im Nachfragen, wenn jemand ungewöhnlich still ist, im Erinnern an eine Geschichte aus der letzten Gruppenstunde. Sie zeigt sich auch darin, unangenehme Themen nicht wegzuwischen oder mit schnellen Sprüchen zu überspielen, sondern Raum zu lassen – selbst dann, wenn ihr euch unsicher fühlt. Diese Ehrlichkeit auf Augenhöhe macht Jugendarbeit glaubwürdig.
Für Kinder und Jugendliche hat das eine enorme Wirkung. Sie erleben, dass ihre Stimme Gewicht hat, auch ohne laut zu sein oder sich in den Vordergrund zu drängen. Sie lernen, dass Erwachsene nicht nur Anweisungen geben, sondern zuhören können. Und sie nehmen diese Erfahrung mit in ihr eigenes Handeln: Wer sich gesehen fühlt, beginnt selbst, andere wahrzunehmen. So wird aus der Haltung der Leitung schrittweise eine Haltung der ganzen Gruppe – geprägt von Aufmerksamkeit, Respekt und gegenseitiger Verantwortung.
Von der Haltung zur Gruppenkultur
„Ich sehe dich“ endet nicht bei der Leitung. Ziel ist eine Gruppenkultur, in der Kinder und Jugendliche sich gegenseitig wahrnehmen und respektieren. Das fördert Empathie, stärkt das Miteinander und reduziert Ausgrenzung. Dazu braucht es Räume, in denen:
- Gefühle benannt werden dürfen,
- Unterschiede wertgeschätzt werden,
- jede*r seinen Platz findet,
- Konflikte fair angesprochen werden können.
Methoden & Impulse für die Gruppenstunde
1. Die „Ich sehe dich“-Runde
Zum Einstieg oder Abschluss einer Gruppenstunde. Alle sitzen im Kreis. Jede*r darf – freiwillig – einen Satz vervollständigen:
- „Heute habe ich mich gesehen gefühlt, als …“
- oder: „Ich habe heute jemanden gesehen, der/die …“
Diese Methode fördert Aufmerksamkeit füreinander und stärkt positives Feedback.
2. Stärken-Spiegel
Jede Person bekommt ein Blatt mit dem eigenen Namen. Die Blätter wandern durch die Gruppe. Jede*r schreibt (oder malt bei jüngeren Kindern) eine Stärke, etwas Positives oder Wertschätzendes auf jedes Blatt.
Am Ende liest jede Person ihr eigenes Blatt – oft ein sehr berührender Moment.
3. Gefühlskarten oder Gefühlsbarometer
Legt Karten mit verschiedenen Emotionen aus (oder nutzt Farben/Symbole). Zum Einstieg fragt ihr:
„Welche Karte passt gerade zu dir?“
Wichtig: Es gibt kein Warum-musst-du-erklären. Wer etwas teilen möchte, darf – wer nicht, auch gut.
4. Unsichtbar & sichtbar
Eine kreative Methode ab ca. Grundschulalter:
Fragt die Gruppe:
- „Wann fühlt man sich unsichtbar?“
- „Was hilft, sich gesehen zu fühlen?“
Antworten können gemalt, geschrieben oder als Collage gestaltet werden. Daraus kann ein gemeinsames Plakat für den Gruppenraum entstehen.
5. Zuhören üben – ohne zu lösen
In Zweiergruppen erzählt eine Person drei Minuten lang von etwas, das sie beschäftigt. Die andere hört nur zu – ohne Tipps, ohne Kommentare. Danach wird gewechselt. Im Anschluss reflektiert ihr gemeinsam: Wie war es, einfach gehört zu werden?
Impulse für zwischendurch
💭 Beginnt Gruppenstunden mit einer persönlichen Begrüßung.
💭 Baut bewusste Eins-zu-eins-Gespräche ein, z. B. beim Aufräumen oder Spazierengehen.
💭 Achtet darauf, wer oft redet – und wer selten.
💭 Macht Vielfalt sichtbar und besprecht sie offen.
💭 Nehmt euch selbst nicht aus: Auch Jugendleiter*innen dürfen sagen, wie es ihnen geht.
Eine Haltung, die bleibt
„Ich sehe dich“ ist kein Projekt mit Anfang und Ende. Es ist eine Haltung, die den Alltag in der Jugendarbeit prägt. Wenn Kinder und Jugendliche erleben, dass sie gesehen werden, wachsen Vertrauen, Selbstwert und Gemeinschaft. Und sie nehmen diese Erfahrung mit – in ihre Freundschaften, Familien und später in ihre eigene Rolle als Verantwortliche. Ihr als Jugendleiter*innen könnt diesen Unterschied machen. Nicht perfekt. Aber präsent. Nicht allwissend. Aber aufmerksam. Und manchmal reicht genau das: gesehen zu werden.

