Du erwachst in einer Stadt, die aus Licht besteht. Die Straßen sind aus Datenströmen, die Häuser aus holografischen Wänden, die Luft ist voller Projektionen und Stimmen. Überall blinken Symbole, flimmern Nachrichten, berechnen Algorithmen deinen nächsten Schritt, noch bevor du ihn denkst.
Hier scheint alles perfekt. Keine Stille. Keine Fehler. Jeder Mensch trägt eine Art Leuchtmaske, ein digitales Gesicht, das immer lächelt, immer weiß, was zu sagen ist. Du trägst auch eine. Sie passt sich deinen Gedanken an, filtert deine Worte, berechnet deine Reaktionen. Alles funktioniert. Alles läuft reibungslos.
Und doch… du fühlst dich allein.
Eine Stimme spricht dich an. Sie klingt nicht elektronisch, sondern weich, menschlich. Du drehst dich um. Eine Person ohne Maske steht vor dir. Ihre Kleidung wirkt alt, ihre Augen lebendig.
“Dies ist die Stadt der Optimierung”, sagt sie. “Hier wird alles gemessen. Alles verbessert. Alles geplant. Aber… nichts gefühlt.”
Du fragst: “Warum bin ich hier?”
Die Person lächelt. “Um zu entscheiden, wie viel du von dir preisgeben willst und wie viel du behalten willst.”
Sie gibt dir ein kleines Gerät. Es sieht aus wie ein Kompass, aber statt Himmelsrichtungen zeigt es Erinnerungen. Erinnerungen an echte Gespräche, Umarmungen, Blicke. Du hältst es in der Hand, und mit jedem Schritt verblassen die Lichter der Stadt. Die Stimmen werden leiser.
Du gelangst in einen anderen Teil der Welt. Keine Projektionen, keine Filter. Nur Menschen und Stille. Hier sprechen die Menschen direkt miteinander. Ohne Maske. Ohne Algorithmus. Manchmal stolpern ihre Worte. Manchmal schweigen sie lange. Aber jedes Wort ist echt.
Ein alter Mann sitzt auf einer Bank. Er winkt dich heran.
“Früher dachten wir, Technologie würde uns verbinden. Doch je leichter die Verbindung wurde, desto seltener haben wir uns wirklich gesehen.”
Er zeigt auf sein Herz. “Nicht hier gespeichert. Sondern hier gespürt.”
Du gehst weiter. Der Kompass beginnt zu zittern. Eine Entscheidung naht.
Ein riesiger Bildschirm öffnet sich vor dir. Er zeigt zwei Zukunftsbilder:
Im ersten bist Du in einer Welt, die dich perfekt kennt. Dein Tag ist durchoptimiert, jede Entscheidung vorweggenommen. Keine Fehler. Keine Risiken. Aber auch: keine echten Gespräche mehr. Nur Datenaustausch.
Im zweiten Bild bist Du in einer Welt voller Fragen. Unvorhersehbar. Chaotisch. Aber mit echten Begegnungen. Mit Streit, mit Nähe, mit allem, was nicht berechnet werden kann.
Du spürst dein Herz schlagen. Und der Kompass in deiner Hand zeigt auf das zweite Bild.
Die Stimme ertönt erneut.
“Technologie kann vieles ersetzen – Bequemlichkeit, Wissen, sogar Aufmerksamkeit. Aber nie Wärme. Nie echte Nähe.”
Du trittst näher an den Bildschirm. Deine Maske beginnt zu flackern. Sie versucht, sich neu zu starten, doch du nimmst sie ab. Und plötzlich wird die Welt um dich still. Echt. Schwerer, aber auch wärmer.
Du atmest ein. Es riecht nach Regen. Nach Erde. Nach Menschen.
Du siehst jemanden, der dich wirklich anschaut und nicht dein digitales Bild, nicht dein Profil, sondern dich. Und du lächelst. Ohne Berechnung.
Als du aufwachst, summt dein Handy neben dem Bett. Nachrichten, Likes, Termine. Du schaltest es auf lautlos. Nur für einen Moment.
Du erinnerst dich an den Kompass. An die Stadt. An den Blick. Und du spürst: Es ist okay, Technik zu nutzen. Aber es ist nicht okay, sich darin zu verlieren.
Vielleicht fragst du heute jemanden: “Wie geht’s dir wirklich?”
Vielleicht hörst du zu, ohne aufs Display zu schauen. Vielleicht wirst du wieder Fehler machen. Aber sie werden deine sein.
Denn Menschlichkeit beginnt da, wo Kontrolle endet. Und echtes Leben beginnt da, wo du dich zeigst, wie du bist.

