Neue Ferienlager-Seiten braucht das Land

Im Frühjahr 2002 wurde das neue Behindertengleichstellungsgesetz (BGG) erlassen. Kurz darauf folgte die sogenannte Verordnung zur Schaffung barrierefreier Informationstechnik, kurz BITV-Bund. Sie soll in Zukunft insbesondere die barrierefreie Gestaltung von Internetseiten sicherstellen. Hierzu sind über die Behindertengleichstellungsgesetze der Länder und die dortigen BITV’en alle öffentlichen Träger verpflichtet. Aber was bedeutet denn eigentlich barrierefrei? Nehmen wir doch einmal die nordrhein-westfälische BITV als Beispiel.

Der nordrhein-westfälische Gesetz- und Verordnungsgeber konzentriert sich in erster Linie auf die Internet- und Intranetangebote der Einrichtungen des Landes, der Gemeinden und Gemeindeverbände. Erfasst sind daher auch alle Ferienaktionen von Jugendämtern oder städtischen Freizeiteinrichtungen, da sie den Gemeinden zugerechnet werden. Online-Angebote, die sie von nun an neu freischalten sind von Anfang an barrierefrei zu gestalten.
Hierzu zählen auch bestehende Angebote, die in wesentlichen Bestandteilen oder in größerem Umfang verändert oder angepasst werden. Ist eine vollständige Barrierefreiheit aus technischen Gründen nicht möglich oder nicht auf allen Zugangswegen zu garantieren, so soll zumindest ein Zugangspfad zu den Angeboten oder deren wesentlichen Bestandteilen mit der Freischaltung die Anforderungen und Bedingungen der BITV-NRW erfüllen.

Ist weder eine spezielle Ausrichtung auf behinderte Usergruppen, noch eine Neugestaltung oder wesentliche Veränderung gegeben, so sind die Angebote in Internet und Intranet bis zum Ende diesen Jahres (2008) zu überarbeiten.

Spätestens dann sind folgende vier Grundsätze zur Webseitengestaltung zu beherzigen:

  • Inhalte und Erscheinungsbild sind so zu gestalten, dass sie für alle wahrnehmbar sind.
  • Die Benutzeroberflächen der Angebote sind so zu gestalten, dass sie für alle bedienbar sind.
  • Inhalte und Bedienung sind so zu gestalten, dass sie allgemein verständlich sind.
  • Die Umsetzung der Inhalte soll so erfolgen, dass sie mit heutigen und künftigen Technologien funktionieren.

So simpel diese Programmsätze klingen, so schwierig sind sie in der technischen Wirklichkeit umzusetzen. Sie haben nämlich Auswirkungen auf die gesamte grafische, redaktionelle und technische Gestaltung eines Angebots. Hierzu macht der Anhang zur BITV-Bund den Webmastern detaillierte Vorgaben.

Unter anderem ist somit vorgegeben, dass für jeden Audio- oder visuellen Inhalt geeignete Inhalte bereitzustellen sind, die den gleichen Zweck oder die gleiche Funktion wie der eigentliche Inhalt erfüllen. Für jedes andere Nicht-Text-Element ist ein entsprechender Text bereitzustellen. Bilder, grafisch dargestellter Text einschließlich Symbolen, Animationen, Bilder, die als Punkte in Listen verwendet werden, Platzhalter-Grafiken, grafische Buttons, aber auch Töne und Videos sind somit behindertengerecht in Text zu „übersetzen“.

Hiervon machen derzeit nur wenige Online-Angebote Gebrauch. Insbesondere in modernen Redaktionssystemen sind die Möglichkeiten zur Einbindung von Grafiken, Sounds und Video-Elementen derart vereinfacht, dass die Eingabe alternativer Texte für den Redakteur nicht überall möglich ist.

Auch die farbliche Gestaltung von Internetseiten ist anzupassen. Alle mit Farbe dargestellten Informationen müssen auch ohne Farbe verfügbar sein, z.B. durch den Kontext. Bilder sind so zu gestalten, dass die Kombinationen aus Vordergrund- und Hintergrundfarbe auf einem Schwarz-Weiß-Bildschirm und bei der Betrachtung durch Menschen mit Farbfehlsichtigkeiten ausreichend kontrastieren. Darüber hinaus ist Bildschirmflackern ebenso wie blinkender Inhalt zu vermeiden.

An zentrale Einstiegs- und Navigationsseiten sind noch speziellere Anforderungen gestellt. Auf ihnen sind beispielsweise Abkürzungen an der Stelle ihres ersten Auftretens im Inhalt zu erläutern und kenntlich zu machen. Hierunter fällt zum Beispiel die automatische Texterläuterung der Abkürzung „JA“ durch den Schriftzug „Jugendamt“ sobald der Mauszeiger die Abkürzung erreicht.

Um die Userinnen und User auch von der Navigation mit der Maus unabhängig zu machen, ist eine mit der Tabulatortaste navigierbare, nachvollziehbare und schlüssige Reihenfolge von Hyperlinks, Formularkontrollelementen und Objekten festzulegen. Bereitgestellt werden sollen ferner Tastaturkurzbefehle für Hyperlinks, die für das Verständnis des Angebots von entscheidender Bedeutung sind.

Insgesamt ist das allgemeine Verständnis der Webseiten zu fördern. Hierzu zählt auch eine einfache Sprache. Diese darf sich aber natürlich der jeweiligen Zielgruppe anpassen. Sind Kinder und Jugendliche durch eine Internetpräsenz angesprochen, ist auf ihren Sprachschatz Rücksicht zu nehmen. Umgekehrt dürfen hier aber dann auch umgangssprachliche Ausdrücke Verwendung finden, die Erwachsenen nicht gleichermaßen geläufig sind.

Der Anhang zur BITV-Bund stellt insgesamt 14 Anforderungen auf.

Städtische Ferienlager oder Jugendfreizeiteinrichtungen, denen die Umstellung ihrer Internetseiten noch bevorsteht oder die unsicher sind, ob ihr bisheriges Angebot womöglich bereits die Anforderungen der Barrierefreiheit erfüllt, finden online bereits zahlreiche Hilfestellungen. Empfohlen sei hier besonders www.bik-online.info. Die Internetseite des Projekts BIK – barrierefrei informieren und kommunizieren stellt zu allen Bundesländern die entsprechenden Rechtsgrundlagen im Volltext zur Verfügung und bietet unter der Rubrik „Testverfahren“ eine kostenfreie Selbstbewertung an. Auf Basis eines Fragebogens mit 52 Prüfschritten kann dort der Stand der Zugänglichkeit eines Webangebots eingeschätzt werden. Erreicht eine Internetseite mindestens 95 von 100 Punkten, gilt sie als sehr gut zugänglich. Ab 90 Punkte gilt es als gut zugänglich.

Das Institut für Jugendleiter und Qualifikation e.V. hat sein Internetportal www.juleiqua.de im Frühjahr 2006 einer ersten BITV-Selbstbewertung unterzogen. Danach ist das Angebot für Behinderte nur eingeschränkt zugänglich (87 Punkte). Diese Bewertung hat Eingang in die diesjährige Neugestaltung gefunden. Neue Seiten braucht das Land – klicken wir es an.

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Hallo, schön, dass du hier vorbeischaust. Ich bin der Kopf hinter dem Jugendleiter-Blog und bin seit über 10 Jahren in der Jugendarbeit aktiv, habe viele Jahre einen Verband geleitet und blogge hier über meine Erfahrungen aus mehr als 100 Freizeittagen und 200 Gruppenstunden. Meine besten Spiele und Ideen sind als Bücher erschienen.

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